Transcontinental Race 2022 – eine Durchquerung Europas im Rennmodus

Vor sagenhaften 31 bzw. 32 Monaten hatte ich mich für die achte Austragung des Transcontinental Race (TCRNo8) vorangemeldet, bzw. um einen entsprechenden Startplatz beworben. Erfreulicherweise bekam ich den Platz. Seit dem änderte sich die Anordnung der Kontrollpunkte zwei Mal, ohne dass das Rennen stattgefunden hatte. In den Jahren 2020 und 2021 fiel das TCR pandemiebedingt aus. Nun war es allerhöchste Zeit, und ich konnte es kaum erwarten, bis es am 24.07.2022 um 22 Uhr endlich los gehen sollte.

Meine Anreise zum Startort Geraardsbergen in Belgien erfolgte per Zug, und war überraschenderweise ziemlich entspannt, obwohl mich bereits da leichte Kopfschmerzen begleiteten. Zunächst ging es am Vortag nach Aachen, wo ich übernachtete, und anschließend weiter nach Belgien. Mit jedem Meter, den ich näher kam, stieg die freudige Anspannung. Die Abholung des GPS-Trackers samt Bike-Check war schnell erledigt, und anschließend viele Stunden totzuschlagen – lediglich unterbrochen vom Rider-Briefing. Jedenfalls hatte ich es sehr genossen zahlreiche bekannte Gesichter wiederzusehen. Unter anderem eine relativ große Abordnung von Race Through Poland Finishern. Die angesetzte Startzeit näherte sich nur langsam, und die Kopfschmerzen vom Vortag machten sich wieder bemerkbar. Nicht ideal, aber dennoch blieb ich zuversichtlich, und hoffte, dass sich die Schmerzen legen würden (leider vergeblich). Am Abend war die Atmosphäre um den Marktplatz von Geraardsbergen einzigartig. Es fühlte sich so an, als wäre ich in der Zeit zurückgereist, und in einer früheren TCR-Austragung gelandet. Schließlich startete das TCR bereits vor einigen Jahren in Geraardsbergen. Die damaligen Bildern und Videos waren in meinem Kopf allgegenwärtig, und nun war ich mitten drin.

Stint 1, Geraardsbergen BEL – Großbardau GER

Die Nacht brach allmählich an, und der heiß erwartet Startschuss fiel endlich. Zunächst war eine neutralisierte Schleife um den Startort zu absolvieren, bevor das Rennen offiziell freigegeben wurde, und wir eingerahmt von euphorischen fackeltragenden Zuschauern über die berühmt berüchtigte Muur von Geraardsbergen stürmten. Ab der Kapelle am Gipfel des kurzen aber giftigen, und grob gepflasterten Anstiegs war free-routing angesagt. Charakteristisch für das TCR ist, dass jeder Fahrer seiner selbst geplanten Route folgt, um die vorgegebenen vier Kontrollstellen (kurz CP) und das Ziel anzufahren. Lediglich an den CPs gibt es obligatorische Pflichtabschnitte (Parcours), die verpflichtend zu absolvieren sind. Bei der diesjährigen Austragung befand sich der CP1 auf der tschechischen Seite des Erzgebirges in Horní Krupka.

Let’s go! Auf geht’s ans Schwarze Meer.

Gute 25 km dauerte es, bis sich die Wege soweit aufteilten, dass ich keine Mitstreiter unmittelbar vor oder hinter mir mehr hatte. Inzwischen war es Nacht, und die Kopfschmerzen immer noch da. Sie legten sich erst im Laufe des Folgetages, aber immerhin hatte ich Begegnungen, die mich aufheiterten. Nach 160 gefahrenen Kilometern, als ich mich allmählich bei meiner Reisegeschwindigkeit eingependelt hatte, überholte mich niemand geringeres als Christoph Strasser (Cap 100). Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick und rief ihm einen Gruß hinterher. Er hörte es, richtete sich netterweise auf, und wir hatten eine kurze Unterhaltung. Christoph erkundigte sich nach meinem Namen, und als ich antwortete, gratulierte er erst einmal zu meinen Siegen beim Three Peaks Bike Race, und beim Race Through Poland. Wow, das hatte ich nicht erwartet. In dem Moment fühlte ich mich zugegebenermaßen überrascht, und gleichzeitig geehrt. Die Ultracycling-Legende ist nun mal Profi. In seiner akribischen Vorbereitung hatte er sich offensichtlich mit potenziellen Konkurrenten beschäftigt. Schon kurz darauf trennte sich bereits unsere Wege, wobei wir inzwischen die Niederlande erreicht hatten. Nach nicht einmal 180 km fing ich mir den ersten Platten ein. Hmm, eigentlich habe ich sie nie – seltsam. Obwohl ich keine große Lust hatte um 4 Uhr nachts mit Schläuchen zu hantieren, erledigte ich die Arbeit recht zügig. In dem Moment, als ich wieder losfuhr kam Paweł “Piko” Puławski (Cap 160), der Organisator des Race Through Poland, heran. Paweł ist ein außergewöhnlich netter Kerl. Wir begrüßten uns freudig, und fuhren ein Stück in gegenseitiger Sichtweite, bevor sich auch unsere Wege wieder trennten.

In Deutschland angekommen versorgte ich mich am frühen Morgen an einer Tankstelle. Einige Kilometer später entdeckte ich einen Radfahrer in der Ferne, an den ich nur sehr langsam herankam. Schließlich, nach 260 gefahrenen Kilometern, holte ich ihn ein. Es war ein weiterer Bekannter, Björn Lenhard (Cap 26). Wenige Minuten vor dem Start überlegten wir beide, wie cool es denn wäre, wenn wir uns unterwegs begegnen würden. Mit einem Treffen klappte es nun tatsächlich. Ich berichtete von meiner Panne, Björn von einem Speichenriss, bevor wir irgendwo bei Schermbeck plötzlich aus dem Gespräch gerissen wurden, als sich unsere Routen trennten. Sehr schade. Meine Laune sank weiter, als mich kurz darauf ein weiterer Platten ereilte. Zwei Platten am Hinterrad auf nicht einmal 300 km – da kann etwas nicht stimmen. Habe ich eine Scherbe, oder einen Dorn im Reifen übersehen? Ist da vielleicht Schmutz zwischen Schlauch und Reifen? Nein, alles war augenscheinlich in Ordnung, und der Reifen jungfräulich. Nun waren jedoch meine beiden Ersatzschläuche aufgebraucht, und ich setzte die Fahrt mit einem mulmigen Gefühl fort. Kaum war es 10 Uhr erreichte ich Drensteinfurt, wo ich mich mit drei Ersatzschläuchen eindeckte. Den Angestellten befragte ich bei Gelegenheit, ob er eine Idee hätte, woran die ständigen Platten liegen könnten. Er gab mir einen Hinweis bzgl. Felgenband. Jetzt erst einmal weiter, ich hatte schon genug Zeit verplempert. Bei km 400 dann erneuter Druckverlust – der nächste Platten – wieder das Hinterrad. Das kann doch nicht wahr sein! Meine Nerven lagen blank. Routiniert tauschte ich den Schlauch, und fuhr weiter nach Paderborn. Hier klapperte ich Fahrradgeschäfte ab. Drei waren geschlossen, oder nicht willens, sich meines Problems anzunehmen. Im vierten Laden beauftragte ich einen Tausch des Felgenbands, und des Schlauchs, wobei ich den intakten Schlauch als Reserve mitnehmen wollte. Ich wartete ungeduldig, war aber froh, dass sie sich der Sache unmittelbar angenommen hatten, wofür ich sehr dankbar war. Endlich waren die Arbeiten erledigt. Schon am Ausgang stehend drehte ich nochmals um. Den alten intakten Schlauch wollte ich ja noch mitnehmen. Als ich danach fragte, drückten sie mir einen explodierten Schlauch in die Hand. Ich fragte, was ich mit dem Müll soll. Der Schlauch sei geplatzt, als sie nach dem Loch suchten. Welches Loch? Der Schlauch war OK! Den wollte ich als Ersatz mitnehmen. Ich fragte mich voller Unverständnis, wo ich den hier gelandet bin. Anscheinend hatten sie bei der Montage einen weiteren Schlauch eingeklemmt. Der war dann defekt. Beim nächsten Versuch hatten sie es dann scheinbar hinbekommen, den Schlauch einzulegen, und den Reifen zu montieren. Sie bemerkten, dass ich kurz vor dem Platzen war, und gaben mir letztlich einen Ersatzschlauch mit, sodass ich den Laden endlich verlassen konnte. Das mulmige Gefühl stellte sich wieder ein. Haben die Chaoten gewissenhaft gearbeitet, oder darf ich bald wieder den nächsten Schlauch tauschen?

Es hielt. Keine weitere Platten, sodass ich endlich wieder Fahrt aufnehmen konnte, ohne permanent aus dem Rhythmus gerissen zu werden. Ich kam gut voran, bis ich kurz hinter Gieboldshausen vor einer fehlenden Brücke über die Oder stand (nicht der deutsch-polnische Grenzfluss, sondern ein gleichnamiger im Harz). Immerhin waren behelfsmäßige Betonblöcke vorhanden, die mir die Querung ermöglichten. Schon wenig später geriet ich am südlichen Rand des Harz in einen recht kurzen aber umso heftigeren Sturm. Innerhalb kürzester Zeit war ich durchnässt, während der böige Seitenwind Äste und Unrat auf die Straße beförderte. Ich überstand das Unheil, ohne vom Rad geblasen zu werden. Nach wenigen Kilometern war die Straße schon wieder stellenweise trocken. Meine Route führte mich an Leipzig vorbei, während ich von Regenschauern unterschiedlicher Intensität in die Nacht hinein begleitet wurde. Zwischendurch wirkte die Atmosphäre sehr bedrohlich mit tiefschwarzer Bewölkung, samt unaufhörlichem Blitz und Donner um mich herum. Immerhin geriet ich in kein weiteres Gewitter, und konnte das Leipziger Einzugsgebiet verlassen, bevor ich gegen 3 Uhr meine erste Schlafpause am Sportplatz von Großbardau einlegte, mit einer Gesamtstandzeit von 2:45 Stunden.

Stint 2, Großbardau GER – Salching GER

Im Morgengrauen machte ich mich wieder auf den Weg Richtung Tschechien. Ich war noch gar nicht Richtig wach, als ich bei Podelwitz zur nächsten fehlenden Brücke gelangte. Naja, die Brücke selbst stand schon, aber die Zufahrten fehlten. Das Rad musste zunächst auf einen 2 m hohen Absatz gehoben, und dieser anschließend erklommen werden. Am anderen Brückenende war das Rad wieder herabzulassen, bevor ich selbst hinunterstieg, ohne mir in Rennradschuhen die Fußgelenke zu brechen. Die Aktion hätte ich mir gerne erspart, aber zumindest musste ich mir keine Umleitung suchen, um die Stelle zu umfahren. Noch vor der deutsch-tschechischen Grenze erledigte ich den morgendlichen Einkauf, und holte wenig später Krystian Jakubek (Cap 233) ein, den ich von meinen beiden Race Through Poland Teilnahmen kenne. Prompt erhöhten wir abwechselnd das Tempo, überquerten die Grenze, und nahmen Kurs auf den Startpunkt des Parcours 1 (120 km mit 1770 hm). Wir kamen aus nördlicher Richtung, und mussten daher erst einmal die rasante Abfahrt hinab, bevor wir am Parcours-Startpunkt wendeten, und uns auf den Weg zurück nach oben machten. Im weiteren Parcours-Verlauf folgte eine Schotter-Sektion, wo Krystian davonzog. Er kommt vom MTB, und kommt mit losem Untergrund definitiv besser zurecht, als ich. In einer Abfahrt verpasste ich die Abzweigung, und musste kurz zurücksetzen. Wenig später bekam ich Besuch von zwei Dresdner Freunden, die es sich nicht nehmen ließen, mich vor Ort anzufeuern. Zuerst schloss sich Paul an, und kurz darauf Arno. Vielen Dank! Es tut so gut, im Rennen bekannte Gesichter zu sehen zu bekommen.

Erst einmal strecken am CP1. Bisher lief es zäh. Auf die Schlauchwechsel und Radladenbesuche hätte ich gerne verzichtet. (Cheers Paul!)

Am CP1 Horní Krupka kam ich als Vierter an, und erhielt dort den ersten Stempel in die Brevetkarte. Krystian war noch nicht hier. Er hatte die Abzweigung ebenfalls verpasst, und das Missgeschick erst später gemerkt, als ich. Vom CP aus waren noch mehr als 90 Parcours-Kilometer zu absolvieren, die mit diversen bemerkenswert steilen Anstiegen versehen waren. Auf einem dieser Anstiege holte ich den vor mir platzierten Iansaing To (Cap 129) ein. Nach kurzem Gespräch verloren wir uns aus dem Blick. Am Berg war ich erheblich schneller, als er. Den Großteil des folgenden Streckenabschnitts durch Tschechien fuhr ich bereits im April ab, und war davon überzeugt, dass meine Route sehr effizient zu bewältigen sein sollte. So war es letztlich auch, denn ich kam als erster in Bayern an. Kurz hinter Furth im Wald – es war bereits 1:30 Uhr nachts – überraschte mich plötzlich ein entgegenkommender Radfahrer. Noch überraschter war ich, als er fragend meinen Namen nannte. Ein Dotwatcher aus Nürnberg namens Fynn fuhr tatsächlich den ganzen Weg hierher nach Ostbayern, um TCR-Fahrer direkt an der Strecke zu unterstützen. Wahnsinn! Danke Fynn, die nächtliche Begegnung war cool. Eine Stunde später stand auch noch mein Vater am Streckenrand, um mir alles Gute für die weitere Fahrt zu wünschen. Ja, es fühlte sich sehr gut an das TCR im Heimatlandkreis anzuführen. Mein Plan sah vor, Straubing noch in dieser Nacht hinter mich zu bringen. Die Kilometer zogen sich jedoch ziemlich zäh dahin. Der Körper verlangte nach einer Pause. Erst gegen 4:20 Uhr stoppte ich am Salchinger Sportplatz, um zu pausieren. Die Gesamtstandzeit betrug hier erneut 2:45 Stunden.

Stint 3, Salching GER – Santa Caterina ITA (CP2)

Als ich wieder losfuhr, waren die zwei nähersten Kontrahenten bereits unterwegs. Wir hatten die gleiche Route, und ich ordnete mich hinter Ulrich Bartholmös (Cap 100), und vor Robin Gemperle (Cap 197) ein. Die Abstände waren sehr gering. Schon bald konnte ich Robin sehen, der sich näherte. Dann tauchte Ulrich vor mir auf, den ich an einem Hügel einholte. Wir waren kurz unmittelbar beisammen, dann fuhr jedoch jeder seiner eigenen Route nach. In der Münchner Umgebung winkten zwei Dotwachter vom Streckenrand, ansonsten war das bayerische Flachland recht ereignislos. Im Laufe des Tages fingen Bauchschmerzen an mich zu plagen. Ich tat mir schwer, eine effiziente Position auf dem Rad einzunehmen. Der Lenkeraufsatz war zeitweilig arbeitslos. Auch die Nahrungsaufnahme war etwas beeinträchtigt. Glücklicherweise besserte sich mein Wohlbefinden im Laufe des Nachmittags. Kurz vor Penzberg, südlich von München, gesellte sich erneut ein Dotwatcher zu mir. Wenig später kam ein weiterer hinzu. Leider kann ich die Namen der beiden nicht mehr wiedergeben. Jedenfalls freute ich mich enorm über deren Anwesenheit. Wir hatten nette Unterhaltungen, und eine gute Zeit. Was für eine willkommene Abwechslung. Danke für die Unterstützung Leute!

In Österreich angelangt stand die Überquerung meines meistgehassten Alpenpasses an. Zum Glück war das Verkehrsaufkommen am Fernpass nicht allzu nervig. Bis zum Abend arbeitete ich mich bis Landeck vor. Die Schicht war jedoch noch nicht beendet. Jetzt standen ein Paar “richtige” Berge an. Endlich. Am Reschenpass kam ich bereits in der Dunkelheit an. Die technisch nicht sonderlich anspruchsvolle Abfahrt war schnell erledigt. Im anschließenden Anstieg zum Umbrailpass sank die Temperatur rapide mit jedem Meter, den ich hinaufkletterte. Die Passhöhe war kurz vor 2 Uhr erreicht, und die folgende Abfahrt äußerst ungemütlich. Schlotternd kam ich in Bormio an, welches nachts offensichtlich von Füchsen regiert wird. Eine Notbremsung mit blockierendem Hinterrad trug dennoch nicht dazu bei meine Betriebstemperatur wieder zu erreichen. Ich musste meine Beine eine Weile dazu zwingen weiterzutreten, weil sie sich wie festgefroren anfühlten. CP2 in Santa Caterina hatte ich dennoch fest im Auge. Es war nicht mehr weit entfernt. Ich kam dort um 3:30 Uhr als Zweiter an, 8 Minuten hinter Ulrich. Die Rezeption war besetzt wir nahmen ein Zimmer. Das war bitter nötig. Somit fiel die Gesamtstandzeit diesmal mit 4 Stunden etwas großzügiger aus.

CP2 erreicht, Zeit für eine Dusche, und ein vernünftiges Bett.

Stint 4, Santa Caterina ITA (CP2) – Rupa CRO

Ulrich und ich machten uns morgens gemeinsam auf Richtung Gaviapass, der Bestandteil des Parcours 2 war (45 km mit 1500 hm). Robin hatte zu diesem Zeitpunkt schon beinahe die Passhöhe des Passo Tonale erreicht. Ganz schöne Lücke. Ich kam besser in Tritt als Ulrich, und erarbeitete mir auf den bereits erwähnten Pässen einen Vorsprung. Nach einer Einkaufspause war dieser allerdings wieder aufgebraucht. Ulrich holte mich irgendwo zwischen Ossana und Dimaro ein. Ab da hingen wir für etwa 5 Stunden mehr oder weniger aneinander. Mehrmals trennten sich unsere Routen, aber dennoch kamen wir permanent wieder zusammen, und wechselten ein paar Wörter. Schließlich zweigte Ulrich nach Bassano del Grappa ab, während ich nach Feltre abbog, wo ich einen gebrochenen Flaschenhalter ersetzte. Dabei verlor ich eine gute halbe Stunde, zumal ich den Flaschenhalter mit einer ausgeliehenen Akku-Bohrmaschine modifizieren musste, um ihn kompatibel mit meinem selbstgebauten Flaschenhalter-Versetzungs-Adapter zu machen. Ab Ponte della Priula waren die Routen der drei Führenden (Robin, Ulrich, und mir) wieder nahezu deckungsgleich. Ich als Dritter hatte inzwischen einen einstündigen Rückstand auf Ulrich, dessen Route offensichtlich effizienter war. Robin stoppte bereits vor Mitternacht für eine Ruhepause, und zwar noch vor der slowenischen Grenze. Ich kam erst 2,5 Stunden später an seiner Position vorbei. Ulrich blieb um 2 Uhr, kurz nach der Grenze, für eine Schlafpause stehen. An ihm kam ich eine halbe Stunde später vorbei, fuhr jedoch weiter bis ich Kroatien erreichte, wo ich mich kurz nach 4 Uhr schlafen legte. Mit einer Gesamtstandzeit von 2:20 Stunden fiel diese Pause ziemlich überschaubar aus.

Stint 5, Rupa CRO – Rasavci BIH

Als ich wieder auf dem Sattel saß war ich wieder Zweiter. Ulrich hatte mich überholt, und hatte einen 40-minütigen Vorsprung, während Robin noch weiter hinten in Slowenien unterwegs war. Im Laufe des Vormittags konnte ich den Rückstand auf Ulrich auf 15 Minuten reduzieren. In der Nachbetrachtung sah ich, dass er offensichtlich mittags eine halbstündige Pause einlegte, sodass ich ihn bei Brlog überholte. Wenige Kilometer später hielt ich an einer Tankstelle in Otočac. Ohne ihn gesehen zu haben muss Ulrich hier vorbeigekommen sein, bevor ich wieder auf dem Rad saß. Es muss nervenaufreibend gewesen sein, diese ständigen Führungswechsel im GPS-Live-Tracking zu beobachten (auch an den vorangegangenen Tagen). Damit sollte für die nächsten 24 bis 29 Stunden vorläufig Schluss sein, denn Ulrich und ich wählten ab Otočac sehr abweichende Routen. Während Ulrich sich Richtung Mostar orientierte, bewegte ich mich weiter weg von der Küste Richtung Bihać. Erheblich erschwert wurde der nachfolgende Abschnitt durch die zunehmende drückende Hitze (die ohnehin schon seit den Morgenstunden präsent war), in Kombination mit einer kilometerlangen Baustelle, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Die staubige Schotterpiste war sehr ermüdend, aber immerhin kam ich pannenfrei durch, und erreichte die Grenze. Zum ersten Mal musste ich ein Ausweisdokument zücken. Bye bye EU, hello Bosnien und Herzegowina.

Auf meiner Route lagen lang gezogene Anstiege, die mich zermürbten. Das lag auch an den sehr unangenehmen Fußschmerzen, die mich inzwischen plagten. Allmählich wurde es dunkel. Ich musste mehrmals Pausen einlegen, um den Füßen kurze Möglichkeiten zur Regeneration zu geben. Umso erfreulicher war der Besuch eines bosnischen Dotwatchers. Er war mit dem Auto da, grüßte, erkundigte sich nach mir, machte kurze Videoaufnahmen. Das wirkte wie eine Erinnerung daran, weshalb ich eigentlich hier bin. Ich fuhr weiter bis kurz vor 3 Uhr. Mein Schlafplatz war eher suboptimal. Ich hatte weder Lust, noch Motivation, um nach etwas besserem zu suchen. Die Gesamtstandzeit fiel mit beinahe 4 Stunden ungewöhnlich üppig aus. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich den Wecker nicht gehört.

Stint 6, Rasavci BIH – Pljevlja MNE

Ich ärgerte mich darüber, dass ich verschlafen hatte. Andererseits verspürte ich jedoch die Vorfreude auf Montenegro, und auch auf den nächsten CP, der nun in Reichweite lag. Auf dem Weg Richtung Sarajevo kam mir unerwartet ein Rennradfahrer entgegen. Nanu? Ach OK, er ist wegen mir da. Ein Schweizer Dotwatcher, der mich ein Stück begleitete. War nett, und hat mich sehr gefreut. Mittags kam ich am südlichen Rand von Sarajevo an. Erneut war es sehr warm. So blieb es jedoch nicht lange. In der Anfahrt zum 1163 m hohen Javorak umzingelten mich dunkle Wolken. Schon bald begann es bedrohlich zu donnern und regnen. Ich kühlte sehr rasch aus, und konnte die nachfolgende lange Abfahrt nach Brod nur bedingt genießen, zumal die Achillessehne anfing zu zwicken. Dort angekommen besserte sich meine Laune relativ schnell. Die Straße war hier bereits stellenweise trocken, während die Sonne zwischen den Wolken hervorkam. Zudem warf ich hier mal wieder einen Blick auf das Live-Tracking (der letzte Check lag gute 24 Stunden zurück), und sah, dass Ulrich aus südlicher Richtung auf dem Weg nach Brod war. Ihm fehlte aber noch ein Stück. Zügig fuhr ich entlang des Flusses Drina in Richtung des Grenzübergangs bei Hum. Ulrich und ich waren hier in entgegengesetzter Richtung unterwegs, lediglich durch die Schlucht und den Fluss getrennt. Ungewöhnlich viele Autos und Busse standen in der Schlange auf der Bosnischen Seite des Grenzübergangs nach Montenegro. Es gelang mir, mich geschickt vorzudrängeln. Auch der Grenzposten auf der montenegrinischen Seite war recht schnell passiert. Auf den folgenden Kilometern entlang der Piva-Schlucht bekam ich einen erstaunlichen Vorgeschmack. Dank Google Street View wusste ich, dass mich hier in landschaftlicher Hinsicht eine besondere Gegend erwartet. Dennoch wirkte alles viel imposanter, als ich es selbst vor Ort sah. Absolut empfehlenswert!

Im Tiefflug Richtung CP3. Anschließend folgt eine Kletterpartie zum Durmitor Nationalpark.

Am CP3 in Plužine angelangt, bekam ich den heißersehnten dritten Stempel in die Brevetkarte. Den CP erreichte ich als Erster, und war aus taktischen Gründen darauf bedacht so schnell wie möglich zum Startpunkt des Parcours 3 (45 km mit 1410 hm) zurückzusetzen, und den bevorstehenden Anstieg zu beginnen, ohne von Ulrich gesehen zu werden. Dies gelang mir. Begleitet wurde ich von Levente, einem rumänischen Mitglied der CP crew, der per Rad nach Plužine reiste, um sich als Helfer zu betätigen. Großartig! Wir starteten mit dem Parcours 3. Unmittelbar ging es steil nach oben, durch enge Serpentinen-Tunnel. Ich schaltete schon bald auf die kleinste zur Verfügung stehende Übersetzung, während wir uns angeregt unterhielten. Nach ein Paar 100 Höhenmetern kehrte mein Begleiter wieder zum CP zurück. Ich war sehr froh, dass ich den Durmitor Nationalpark noch beim restlichen verbleibenden Tageslicht erleben konnte. Die Landschaft hier oben ist einzigartig, sehr rau, unberührt und atemberaubend.

Der höchste Punkt des Parcours lag oberhalb von 1900 m über dem Meer. Dementsprechend frisch wurde es, sobald die Sonne unterging. Ich zog mich vor der bevorstehende Abfahrt etwas dicker an. Während ich so vor mich hinrollte, kam mir jemand in kurzer Hose entgegen. Erster Gedanke: Halluziniere ich? Hier oben ist doch sonst keiner außer mir. Zweiter Gedanke: Zieh dir etwas an. Hier oben ist es kalt. Jetzt hörte ich auch noch eine Stimme. Moment, die kommt mir doch bekannt vor. Björn Lenhard, der vor dem CP2 aus dem TCR aussteigen musste, ließ es sich nicht nehmen, mich hier oben abzufangen. Auch Freundin Gabi war da, und der Sohnemann, den ich bis dato noch nicht kannte. Wow, das hatte ich definitiv nicht erwartet! Ich war überwältigt, den Drei hier zu begegnen. Das hat gut getan. Danke euch. Sie wünschten mir alles Gute für die weitere Fahrt, und ich stürzte mich in die nächtliche Abfahrt. An einer Tankstelle in Žabljak füllte ich zwischendurch die Vorräte auf, musste aber kurz darauf erneut anhalten. Mir war extrem kalt, und ich wusste mir nicht anders zu helfen, als den Rumpf mit dem Schlafsack zu umwickeln, und mit der Regejacke darüber in Position zu halten. Ich setzte die Abfahrt fort. Die Schmerzen an der Achillessehne nahmen zu. Jetzt kam auch noch die Müdigkeit hinzu. Ich fühlte mich auf dem Rad unsicher, und beschloss für 20 Minuten zu pausieren, und die Augen auszuruhen. Anschließend fuhr ich weiter bis zu einer Tankstelle in Pljevlja. In deren Nähe legte ich mich schlafen. Das war wieder kein besonders guter Schlafplatz. Hier kamen zum ersten Mal Schaumstoff Ohrstöpsel zu Einsatz. Die waren wohl auch dafür verantwortlich, dass ich wieder den Wecker nicht hörte, sodass meine Gesamtstandzeit diesmal bei 4:45 Stunden lag. Wieder ärgerte ich mich über mich selber, nachdem ich bereits bei der vorherigen Schlafpause verschlafen hatte.

Stint 7, Pljevlja MNE – Tekija SRB

Es kam, wie es kommen musste. Ulrich übernahm die Führung, und hatte einen 1-stündigen Vorsprung, als ich losrollte. Als ich das erkannte, ärgerte ich mich umso mehr. Natürlich lautete die Hauptaufgabe des Tages, meinen Rückstand wettzumachen. Die Füße schmerzten erneut, doch die Achillessehne bereitete mir größere Sorgen. Bereits nach 6 stündiger Fahrt war der Schmerz nicht mehr zu ignorieren. Zum Abend hin besserte sich die Situation erwartungsgemäß nicht. Ganz im Gegenteil. Immerhin erreichte ich vor Mitternacht das Donauufer, wo die Strecke ziemlich höhenmeterarm wurde. Untertags hatte ich lediglich ein Mal das Live-Tracking gecheckt, und wusste nicht, wo Ulrich steckt. Die Straße entlang der Donau war nachts sehr verkehrsarm, und irgendwann meine ich ein rotes Licht vor mir entdeckt zu haben. Es entfernte und näherte sich nicht. Ist das Ulrich, oder Einbildung? Verfolge ich einen Geist? Egal, ich merkte, dass es mir hilft mehr Druck auf das Pedal zu bringen. Nach einer Weile war ich nah genug dran. Ein Radfahrer, klar. Hauptaufgabe des Tages erfüllt. Aufgrund einer notwendigen Toilettenpause ließ ich Ulrich zwischendurch ziehen, sah ihn jedoch bald darauf wieder, als er sich nach einem Schlafplätzchen umsah. Ich fuhr noch etwa 1,5 Stunden weiter, bevor ich mich schlafen legte. Die Gesamtstandzeit bewegte sich diesmal wieder in einem sehr annehmbaren Rahmen, und betrug weniger als 2:20 Stunden.

Stint 8, Tekija SRB – Brezoi ROU

Nur noch wenige Kilometer waren zu absolvieren, um Rumänien zu erreichen. In Drobeta Turnu Severin legte ich gleich einen nervig langen Einkaufsstopp ein. Kaum hatte ich die Stadt verlassen, bekam ich Gesellschaft. Ich schaute über die Schulter, und war etwas perplex. Christoph “Straps” Strasser (Cap 100) war an mir dran. Die letzten Tage war ich irgendwie versteift auf den Zweikampf mit Ulrich. Es entging mir völlig, dass Christoph uns von Tag zu Tag immer näher kam. Ein eindeutiger Fehler, denn es war mir eigentlich stets klar, dass er dank seiner physischen Leistungsfähigkeit in der Lage sein wird vorne einzugreifen. Wir stellten beim kurzen Gespräch fest, dass unsere letzte Begegnung inzwischen mehr als eine Woche zurückliegt. Wenige Augenblicke später wurde ich abgehängt. Mir war unmittelbar klar, dass Christoph in der Anfahrt zur Transalpina seine Stärken ausspielen, und die Streckenkenntnis nutzen, möchte. Schließlich hatte er sich den bevorstehenden Offroad-Parcours 4 (43 km mit 460 hm), samt Umgebung, im Vorfeld höchstpersönlich angesehen. Den nächsten Dämpfer bekam ich, als ich ein freundliches “Guten Morgen!” neben mir hörte. Auch Ulrich holte mich ein. Zwar ging ich bald darauf wieder an ihm vorbei, als er an einer Tankstelle hielt, aber schon bald hatte er mich wieder. Gut dass es schon bald topographisch anspruchsvoll werden sollte. Der schwere Transalpina-Anstieg stand bevor.

Entgegen meiner Vorstellung konnte ich dort jedoch nicht so richtig angreifen. Die schmerzende Achillessehne beeinträchtigte mich erheblich. Zudem wurden die Wetterverhältnisse immer mieser. Tief hängende Wolken, Wind, beschränke Sicht und drastisch sinkende Temperaturen (ganz oben einstellig) machten mir zu schaffen. Vom höchsten Punkt musste ich zunächst runter zum CP4 am Hotel Alpin Lotru – vorbei am Startpunkt des Parcours 4 – bevor wieder einige ansteigende Höhenmeter in umgekehrter Richtung (Richtung Transalpina) zu bewältigen waren, um zum genannten Parcours-Startpunkt zu gelangen. In der Abfahrt kam mir Christoph bereits entgegen, und wenig später auch Ulrich. Am CP4 blieb nur wenig Zeit, um dem Volunteer Sebastian, den ich vom Race Through Poland kenne, “Hallo” zu sagen. Mein Rückstand betrug am CP4 45, bzw. 26 Minuten auf die beiden Kollegen vor mir. Der Tag war schon weit fortgeschritten, und ich wollte den bevorstehenden Parcours 4 unbedingt noch bei Tageslicht hinter mich bringen. Vor diesem Offroad-Parcours hatte ich im Vorfeld einen enormen Respekt. Nein, Respekt ist der falsche Ausdruck. Ich hatte gar keine Lust darauf, dort mit meinem völlig ungeeigneten Rennrad hineinzufahren, und ggf. in Rennradschuhen herumzustolpern. Naja, da mussten alle durch.

Unverzüglich war ich auf dem Weg Richtung Parcours. Schon bald traf ich Ulrich am Straßenrand vor, der sich Knielinge aus Rettungsfolie bastelte, während Christoph bereits weiter oben war. An der entsprechenden Abzweigung bog ich auf den Parcours ein. Zunächst war der Schotterweg noch fahrbar – stellenweise technisch anspruchsvoll, aber immerhin fahrbar. Es folgte eine Sektion, die nur schiebend zu bewältigen war. Danach fand ich mich erneut auf einem Schotterweg mit vielen groben und losen Brocken wieder. Nach einer Weile kam es mir so vor, als würde ich jemanden in der Ferne erkennen. Nun war das Gelände vorwiegend abschüssig, und nach wie vor technisch anspruchsvoll (zumindest meiner Auffassung nach). Mein Eindruck bestätigte sich. Ich kam Christoph nach und nach immer näher. Schließlich holte ich ihn ein, als etwa die Hälfte des Parcours absolviert war. Einige Meter weiter zischte es an meinem Vorderrad verhängnisvoll.

Parcours 4 stellenweise unfahrbar, auch bei Tageslicht.

Ich wünschte Christoph eine gute Fahrt, und begann unverzüglich damit, den platten Schlauch zu tauschen. Es begann bereits zu dämmern, und ich wollte endlich wieder festen Untergrund unter den Reifen haben. Mit dem neuen Schlauch kam ich keine 10 km weit. Der nächste Platten ereilte mich in einem Waldstück. Ich konnte die Hand vor den Augen nicht sehen. Zudem hatte ich einen massiven Fehler begangen. Ich hatte meine Zweitbeleuchtung nicht gecheckt, die ich zuletzt vor mehreren Tagen in den Alpen nutzte. Somit hatte ich lediglich die Handytaschenlampe zur Verfügung, während ich den Schlauch tauschte. Nachdem dies erledigt war fand ich mich auf einer Art Wiesenweg wieder. Zumindest war es hier nicht steinig, aber dafür gab es eine andere Bedrohung. Offensichtlich kam ich an einer Hütte, oder Schafsherde vorbei. Eine Gruppe Schäferhunde fing an, mir hinterherzujagen. Ich sah nicht wie viele es waren, und wo sie waren. Das war eine schreckliche Situation. Ich fing an panisch zu schreien, versuchte von den Hunden wegzukommen, die mir immer näher auf die Pelle rückten, und hoffte nicht zu stürzen. Einer lief mir ins Hinterrad. Ich konnte mich auf dem Rad halten. Sie ließen lange nicht von mir ab. Umso erleichterter war ich, als das Bellen hinter mir allmählich verstummte.

So richtig konnte ich nicht verschnaufen, denn ich befand mich auf sandigem, stellenweise schlammigen Untergrund. Meine Felgenbremsen setzten sich alle paar Meter zu, sodass sich die Räder kaum mehr drehen ließen. Ich musste die Bremsen in regelmäßigen Abständen freigängig machen. Essen und Wasser waren mittlerweile nahezu aufgebraucht, da die ganzen Verzögerungen einfach zu viel Zeit verschlungen hatten. Die fehlende Akku-Frontleuchte erschwerte mein Vorwärtskommen in der Dunkelheit. Meine Dynamobeleuchtung funktioniert erst ab einer gewissen Fahrgeschwindigkeit. Die konnte ich auf dem unwegsamen Gelände nicht immer aufrechterhalten. Der Pfad war durchsetzt von tiefen ausgewaschenen Rinnen und Schlammlöchern, die teilweise aufgrund ihrer Abmaße nicht umfahren werden konnten. Ich stürzte mehrmals, und flog unter anderem auch über den Lenker. Dabei blieb ich weitestgehend unverletzt. Auch das Rad, samt Antrieb war vor offensichtlichen Schäden verschont geblieben, doch dann hatte ich den nächsten Platten. Einen letzten unversehrten Ersatzschlauch hatte ich zu diesem Zeitpunkt übrig, und beschloss den Rest des Parcours gehend zurückzulegen. Schon seit Langem hatte ich das Gefühl nicht voranzukommen, und auf diesem Parcours festzustecken. Nur sehr mühsam kam ich der ersehnten Asphaltstraße näher. Endlich war eine Straßenbeleuchtung zu erkennen – es war nicht mehr weit. Für den 43 km langen Parcours benötigte ich mehr als 5,5 Stunden.

An der Straße angelangt war ich körperlich und mental gebrochen. Die verletzte Achillessehne schmerzte. Ich war kraftlos und erschöpft, auch weil ich nicht ausreichend gegessen und getrunken hatte. Während ich den defekten Schlauch tauschte überkam mich die Sorge, ob das Rad vielleicht doch etwas abbekommen hatte. Alle Ersatzschläuche waren aufgebraucht. Gelingt es mir das Ziel in Burgas zu erreichen? Waren die Anstrengungen der vergangenen Tage umsonst? Die Aussicht, in der Gegend um Mitternacht etwas zum Essen aufzutreiben erschien mir nahezu unmöglich. Darin lag die höchste Priorität. Ich schob die Zweifel beiseite, und machte mich auf den Weg zur nächsten größeren Ortschaft Brezoi. Irgendwo im Hinterkopf hatte ich abgespeichert, dass sich dort eine Tankstelle mit langen Öffnungszeiten befindet. Die 30 km zogen sich extrem. Schließlich erreichte ich erleichtert die Tankstelle. Sie schien noch geöffnet zu sein, aber dennoch war ich so verunsichert, dass ich mich wiederholt beim Personal erkundigte, ob sie mir etwas verkaufen würden. Ich war einfach durch, und brauchte dringend eine Schlafpause, um wieder rational denken zu können. Nach etwas herumirren fand ich einen suboptimalen Schlafplatz. Der Gehörschutz kam hier wieder zum Einsatz, und auch diesmal hörte ich den Wecker nicht. Die Gesamtstandzeit lag bei 5 Stunden.

Stint 9, Brezoi ROU – Fântânele ROU

Als ich aufwachte registrierte ich mit Gleichgültigkeit, dass Christoph bereits gefühlt über alle 7 Berge war. Im Kopf war das “Rennenfahren” für mich vorbei, als ich vom Parcours 4 gekrochen kam. Für den Tag nahm ich mir im Grunde nur eines vor. Ich wollte sicherstellen, dass es mir möglich sein wird, das Ziel zu erreichen. Just in dem Moment, als ich losrollte, kam Ulrich von rechts angefahren. Er sah aus, wie ein Häufchen Elend, und war vom Parcours ebenfalls gebrochen (wie seine Carbon-Laufräder). Wir tauschten uns über unsere furchtbaren Parcours-Erlebnisse aus. Ulrich äußerte große Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Fahrer, die den Parcours noch vor sich hatten, insbesondere wenn sie diesen bei Dunkelheit absolvieren. Dem konnte ich mich nur anschließen. Soweit ich es mitbekam, ereigneten sich im Verlauf des Rennens immerhin keine schwerwiegenden Unfälle auf dem Parcours 4. Glücklicherweise!

Schon bald hielt Ulrich an, während ich die Fahrt fortsetzte, und mich dabei an die vorgeplante Route hielt. Diese führte mich auf einen Schotteranstieg, gefolgt von einer unbefestigten Abfahrt. Das hatte ich zwar auf dem Schirm, jedoch ohne zu ahnen, dass dieser Teil so ungemütlich werden sollte. Christoph Strasser erzählte mir nach dem Rennen, von seinem Gedanken, als er auf dem Tracking sah, wohin ich fahre. Nein, fahre da bloß nicht hin! Bei seiner Streckenbesichtigung hatte sich Christoph auch diesen Abschnitt angesehen, und jetzt im Rennen bewusst gemieden, während ich an der steilen Auffahrt mit steinigem, losem Untergrund Zeit und Energie verplemperte. Um zur nächsten größeren Ortschaft zu gelangen, war ein weiter Anstieg zu überwinden. Auch hier fand ich im oberen Teil Schotter vor. Zunächst blieb ich von einem Platten verschont, aber in der asphaltierten Abfahrt erwischte es mich tatsächlich nochmal. Nun war ich gezwungen den Schlauch klassisch zu flicken. Während die Vulkanisierlösung trocknete inspizierte ich den Reifen. Die Reifenflanke hatte einen relativ kleinen Schnitt, den ich lediglich mit Klebeband zupflasterte, um das Eindringen von Schmutz zu verhindern. So fuhr ich bis Pitești, wo ich mich mit Ersatzschläuchen eindeckte. Noch im Radladen erschien mir der Schnitt in der Reifenflanken auf den zweiten Blick doch nicht mehr so klein. Ich nahm mir die Zeit, um ihn mit einem Reifenflicken zu versorgen. Als der Reifen wieder aufgezogen, und aufgepumpt war, hatte ich wieder vollste Zuversicht. Das Ziel in Burgas werde ich auf jeden Fall erreichen!

Die Route führte mich Richtung Süden, Richtung Donau, Richtung Fähre. Bei Roșiorii de Vede hatte ich einen weiteren Schotterausflug, um die verbotene E-Straße zu umfahren. Zusätzlich gewürzt wurde dieser Ausflug durch eine Begegnung der nervigen Art. Während ich auf dem losen Schotter herumballancierte sah ich schon von Weitem ein wartendes Hunderudel. Natürlich lärmten sie los sobald ich näher kam. Die Gang rannte mir hinterher, wobei sich einige Mitglieder sichtlich aggressiv meinen Unterschenkeln näherten. Solche Begegnungen waren schon in den vorangegangenen Tagen keine Seltenheit, wobei ich in der Regel dieses Gebelle ignorierte, und über mich ergehen ließ. Leider wurden diverse TCR-Teilnehmer in solchen Situationen gebissen, und spätestens da hört der Spaß auf. Von Hunden verfolgt zu werden ist nicht nur nervig, sondern kann unter Umständen auch gefährlich werden, insbesondere bei fehlender Tollwut-Impfung. Ich wurde nicht gebissen, hatte aber dafür an diesem Abend in jeder kleinsten Ortschaft mit diesen Kötern zu tun. Von diesen Ortschaften gab es einige auf meinem Weg nach Fântânele, wo ich mir ein Zimmer organisierte. Dusche und Bett taten mir gut, wobei der Schlaf im aufgeheizten Zimmer nicht sonderlich erholsam war. Ich wachte mehrmals auf, und beobachtete, wie sich 3 Konkurrenten nachts meiner Position nähern. Mit mehr als 7 Stunden Gesamtstandzeit war diese Pause ungewöhnlich lang, was mit den Betriebszeiten der Fähre in Zimnicea zusammenhängt. Dort musste ich erst um 8:30 Uhr auf der Matte stehen.

Stint 10, Fântânele ROU – Sarafowo/Burgas BUL

Um 6:15 Uhr Ortszeit machte ich mich auf den Weg zur Fähre, wo ich um 7 Uhr ankam. Die 3 anderen Fahrer befanden sich noch auf dem Weg. Als erster kam Paweł “Piko” Puławski (Cap 160) an. Ich freute mich riesig ihn zu sehen, und wir begrüßten uns herzlich. Auch Ulrich Bartholmös (Cap 100), und Krystian Jakubek (Cap 233) schafften es noch auf die Fähre. Alle drei hatten eine schlaflose Nacht hinter sich. Lediglich Krystian hatte die Zeit für ein kurzes Schläfchen. Die Überfahrt selbst dauerte nicht sonderlich lange, aber dann waren wir auf der bulgarischen Seite gestrandet. Der Grenzposten war vorrangig mit der LKW-Abwicklung beschäftigt, während wir genervt warten mussten. Erst gegen 9:30 Uhr konnten wir uns wieder auf den Weg machen.

Krystian drückte unverzüglich auf den Stempel. Für ihn war das Rennen hier noch nicht beendet. Ich ging das Tempo mit, während es die beiden anderen Kollegen geruhsamer angehen ließen. Krystian und ich überholten uns gegenseitig, und ich konnte nicht so recht glauben welche Geschwindigkeiten auf dem Tacho erschienen. Zugegebenermaßen ging ich davon aus, dass er nach den nächtlichen Strapazen innerhalb von wenigen Stunden einbrechen würde. Das tat er aber nicht! Unsere Routen waren beinahe deckungsgleich, sodass wir uns über die nächsten 200 km hinweg auf bulgarischen Landstraßen duellierten. Dann näherten wir uns Yankovo. Der Ort war eine einzige kilometerlange Baustelle. Die Schotterpiste zermürbte mich, sodass der Vorsprung, den ich zu dem Zeitpunkt hatte, rasch zunichte ging. Krystian holte mich ein. Am Ortausgang signalisierte mir schließlich die Achillessehne, dass sie nicht mehr so richtig mitspielen möchte. Damit war es um mich geschehen. Krystian zog nun endgültig davon. Kurz von 20 Uhr erreichte ich den Finish-Parcours. Das Ziel war schon beinahe zu Greifen nahe, aber natürlich hatten die Streckenplaner noch eine kleine Grausamkeit eingebaut. Im nächsten Ort war noch einmal eine Schottersektion zu absolvieren. Der Anstieg tat weh, die Unebenheiten und Stöße malträtierten meine Achillessehne, während die Hunde mal wieder nervten. Die letzten 40 km waren dann asphaltiert, verlangten mir aber dennoch ziemlich viel ab. Ich konzentrierte mich darauf, den Schlaglöchern auszuweichen, um keinen Defekt oder Sturz zu riskieren.

Sobald ich die Promenade erreichte fiel mir ein Stein vom Herzen. Die letzten 5 km bis ins Ziel in Sarafowo in unmittelbarer Nähe von Burgas konnte ich nun endlich genießen. Im Ziel beglückwünschte ich Krystian zu seinem überragenden Zielsprint, und Christoph Strasser zum TCR-Sieg, den er in überragender Manier herausgefahren hatte. Was für ein Rennen!

Ich bin stolz darauf, die achte Austragung des Transcontinental Race No8 lange Zeit mitgeprägt zu haben. Genauso stolz bin ich auf meinen dritten Platz bei diesem hochkarätig besetzten Rennen. Dabei bin ich jedoch der Meinung, dass eine höhere Platzierung durch die Kombination aus dem unangemessenen Parcours 4, den beschränkten Fährenbetriebszeiten, und meiner Achillessehnenverletzung vereitelt wurde. Naja, angesichts dieser Faktoren habe ich das Maximum herausgeholt.

Distanz: 4225 km
Höhenmeter: 40299 hm
Bewegungszeit: 7 Tage 11 Stunden 26 Minuten (179:27 h)
inoffizielle Finish-Zeit: 9 Tage 22 Stunden 40 Minuten (238:40 h)
Ich hoffe, dass hier keine Strafzeiten hinzukommen.

Fotos:
Charlotte Gamus https://www.instagram.com/charlottegamus/
Chiara Redaschi https://www.instagram.com/chiara_redaschi/
James Robertson https://www.instagram.com/jprobertson/
Tom Gibbs
Samantha Dugon https://www.instagram.com/samdugon/

text: adam bialek

2 Gedanken zu „Transcontinental Race 2022 – eine Durchquerung Europas im Rennmodus&8220;

  1. Das positive Feedback freut mich sehr Günther.
    Schön zu lesen, dass der Bericht offensichtlich seinen Zweck erfüllt, indem er die Leser “mit auf die Tour” nimmt.
    Und danke für die Komplimente. 🙂

  2. Hi Du positiv Wahnsinniger,
    man mag es fast nicht glauben, zu welch einer grandiosen Leistung ein Mensch in der Lage ist. Adam, du hast nicht nur Übermenschliches geschafft, sondern mit Deinem Bericht viele Radsportler auch sehr tiefe Einblicke in diese strapaziösen Tour teilhaben lassen. Ich war visuell mit dabei, das kannst Du mir glauben.
    Mein tiefe Bewunderung und vielen Dank dafür.
    Ich denke, mittlerweile sprühst Du wieder voller Tatendrang und hast bestimmt schon das nächste Großereignis vor Augen.
    Mach’s gut.
    Günther

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