brevet: allgäu-rundfahrt

um 4.45 uhr krabble ich aus dem bett. das vorläufig letzte brevet einer größeren serie steht an. dieses mal geht es ins allgäu und zurück. eine stunde später sitzen hannes und ich im zug nach münchen. gewohnt wortkarg und etwas nervös verbringen wir die eineinhalbstündige fahrt. gleich treffen wir rund 80 andere mitstreiter in der bäckerei zöttl am roecklplatz. bernhard und adam, die vor einer woche erst am treuchtlinger brevet teilgenommen hatten, befinden sich tatsächlich schon wieder am start. ich freue mich, sie zu sehen. da hannes 5 min. früher startet als ich, muß ich ein wenig gas geben. adam eskortiert mich zügig zur startgruppe 1, die wir nach 15km eingeholt haben. ich rufe ihm noch ein danke zu. aber er ist bereits zu weit entfernt, um dieses noch entgegennehmen zu können. es dauert ein wenig, bis sich eine gruppe herauskristallisiert. schließlich sind wir zu viert unterwegs: hannes, bernhard, stefan und ich. wir passieren starnberger und staffelsee und legen eine kulturbeflissene rast bei der zum unesco-welterbe gehörenden wieskirche ein.

als wir unsere reise fortsetzen, verlieren wir stefan auf einer schotterpassage. wir steigen ab und warten rund 10 minuten, bis er endlich wieder auftaucht. ihm ist auf dem holprigen weg eine trinkflasche abhanden gekommen. auf jemanden zu warten gehört für mich zum randonneur-kodex, da auf langstreckenfahrten allerhand passieren kann und man dann um jede unterstützung froh ist. wir gondeln an neuschwanstein und füssen vorbei und nehmen den ersten längeren anstieg zur 1010m hoch gelegenen dreiangelhütte in angriff. oben angelangt stärken wir uns mit weißbier und allgäuer spezialitäten.

dann folgt die abfahrt nach sonthofen. meine ortsansässigen freunde befinden sich im urlaub und die immenstädter sind dann doch einen tick zu weit entfernt, sodaß niemand für uns spalier steht. stattdessen geraten wir in ein kriterium, wo wir mit unseren vollgepackten rädern recht exotisch anmuten. am grünten vorbei, den ich ende januar zuletzt mit schneeschuhen bestiegen hatte, klettern wir zum berggasthaus in rohrmoos (1070m.ü.d.m.) hinauf und erreichen damit den höchsten punkt dieses brevets.

mittlerweile ist es abend geworden. einen apfelstrudel und ein haferl kaffee später machen wir uns wieder auf den weg. es folgt eine kürzere passage durchs österreichische vorarlberg, bevor wir über oberstaufen und wangen gegen 23 uhr ravensburg erreichen. die hälfte der strecke ist geschafft und ich wähne mich bereits in sicherheit, da ich mich körperlich noch ganz passabel fühle. allein, die nacht steht bevor und etliche zusätzliche höhenmeter warten darauf, bewältigt zu werden. ich ziehe mich warm an und setze meine radwanderung fort. der 40km lange abschnitt nach pfullendorf ist grauenhaft. hügelauf, hügelab. hügelauf, hügelab. rund 800hm summieren sich allein auf diesem teil. die messlatte liegt hoch – auch für den pfullendorfer kontroll-aufkleber.


im schnellgerichtrestaurant nebenan treffen wir wieder jörg, der uns – später gestartet – dicht auf den fersen ist. nun beginnt die kritische zeit. zwischen drei und fünf uhr nachts schwindet zunehmend die aufmerksamkeit. die augen werden schwer. koffeinzufuhr und ein gutes durchhaltevermögen sind gefragt. weiter geht es über biberach nach türkheim. das wellige terrain mit seinen steilen rampen will kein ende haben. mein wehklagen ebenso wenig. mein linkes knie schmerzt, mein rechtes sprunggelenk meldet sich pünktlich zurück. auf meinem hintern kann ich schon seit kilometer 300 nicht mehr so recht sitzen. im dunst der nacht verschwimmen die bilder. sind wir tatsächlich gerade an einem brennenden auto vorbeigefahren? quietscht bernhards tretlager wirklich schon seit mehreren stunden? dann fällt auch noch stefans navigationsgerät aus. ein glück, daß er nicht allein unterwegs ist. die zeit bis zur morgendämmerung ist quälend – der zeitpunkt, als sie dann um 5.30 uhr endlich kommt, umso schöner.

mit dem anbrechenden tag erwachen auch so langsam wieder die lebensgeister. zwar ist der (sitz-)schmerz ein treuer begleiter. aber auch der kampfgeist macht sich erneut breit. irgendwo im nirgendwo halten wir kurz. liegt hier nicht ein randonneur? und tatsächlich…wir entdecken horst, der es sich für die nachtruhe auf einer bank unter einem maibaum gemütlich gemacht hat.

nicht die schlechteste aussicht, die man von hier aus genießen kann…

während wir mit horst parlieren, überholt uns jörg. irgendwann mußte das ja mal passieren…
ich versuche mich wieder auf meinen sattel zu setzen, ziehe es dann aber vor, mich stehend vorwärts zu bewegen. eine letzte kontrolle dann bei kilometer 535 an einer tankstelle in moorenweis.

jörg und horst – zwei „grandes dames“ der münchner brevetszene

desillusionierte gesichter

irritierte und optimistische gesichter

die 6 grad in der nacht haben sich in 27 grad am tag verwandelt. wir schälen uns und versuchen den rest des brevets halbwegs anständig zu ende zu fahren. ich denke kurz an walter jungwirths aussage, daß die letzten kilometer oft die schwersten sind. in diesem moment trifft das gerade zu. bernhard lässt uns weiterziehen. sein tretlager heult fürchterlich. die zerrung in seiner wade wohl auch. bei kilometer 570 wollen wir eine letzte pause einlegen. ich versuche stefan das noch zuzurufen. doch der kufsteiner ist auf und davon. und so machen hannes und ich uns zuguterletzt wieder allein auf den weg. das ziel scheint zum greifen nah. aber hannes` kette streikt. mit ölverschmierten händen wird der restliche teil dann doch noch bezwungen. gegen 13.45 uhr erreichen wir münchen. nach 24 stunden im sattel bin ich froh, diesen verlassen zu können. stattdessen nehme ich auf einer bierbank platz, um mit anderen gestrandeten das erlebte zu teilen.

vorausgesetzt, igor & jörg haben ein einsehen mit der homologation dieses brevets, wäre ich nun für paris-brest-paris 2019 qualifiziert. aber das ist eine andere geschichte…

603km. 6770hm.

7 Gedanken zu „brevet: allgäu-rundfahrt&8220;

  1. Hi Sailo,
    toller Bericht. Vielen Dank.
    Vielen Dank auch an Hannes und Stefan. Wir waren ein tolles Team und für mich war es sehr beruhigend, mit meinem quietschenden Fahrrad nicht allein zu sein.
    Die Qualen der Auf- und Abstrecken spüre ich heute noch.
    Mein Tretlager ist aber tatsächlich völlig hinüber. Bin froh, dass ich es noch ins Ziel geschafft habe.
    Mal sehen, wie es jetzt weitergehen wird.

  2. Sehr schön zusammengefasst….., war ein tolles Erlebnis, gemeinsam mit euch, diesen 600er ohne Schlaf durchzufahren!

  3. Jawohl! War bestimmt eine Erfahrung der besonderen Art. Der erste Sonnenstrahl ist stehts, wie eine Erlösung.
    Eine gute Regeneration wünsche ich.

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