Transpyrenees 2022

Ab geht es in die Berge. So könnte man mein zweites Bikepacking-Rennen der Saison 2022 in komprimierter Form niederschreiben. Bei der Anzahl der Erlebnisse und ungewöhnlicher Vorkommnisse würde dies dem Abenteuer Transpyrenees aber bei Weitem nicht Genüge tun.

Angesichts der Eckdaten weiß man gleich woran man ist: Längsdurchquerung der Pyrenäen über offizielle 1080 km und 25000 hm, mit Start in Llançà an der Mittelmeerküste, und Ziel in Donostia-San Sebastián an der Atlantikküste. Zwar gibt es bei Transpyrenees keine Kontrollpunkte, die verpflichtend anzufahren sind, jedoch ist die eigentliche Strecke vorgegeben. Kein free-routing.
Zudem gibt es hier angesichts des Höhenprofils mit insgesamt 33 klassifizierten Cols ausnahmsweise kein Windschattenverbot, wie es bei Veranstaltung dieser Art eigentlich üblich ist.

Die Route von Transpyrenees 2022.

Bevor es jedoch am Samstag, dem 25.06., losging musste ich irgendwie zum Startort gelangen. Am Freitag hatte ich Urlaub, und der Tag war für die Anreise reserviert, die sich dann doch als sehr nervenaufreibend herausstellen sollte. Kurz vor 12 Uhr war ich am Flughafen. Der Flug sollte ziemlich genau 3 Stunden später starten. Ich prüfte nochmals die E-Mails, und fand dabei eine Benachrichtigung der Fluggesellschaft, die mich zusammenzucken ließ. Mein Flug wurde kurzerhand gestrichen. Ich begab mich umgehend zum Ticketschalter, um mögliche Optionen in Erfahrung zu bringen, wie ich an dem Tag doch noch nach Barcelona gelangen könnte. Eine Möglichkeit blieb tatsächlich noch. Eine andere Fluggesellschaft bot abends gegen 18 Uhr einen entsprechenden Flug an. Ich prüfte umgehend online die Verfügbarkeit. Noch 5 Sitze waren frei. Ich fackelte nicht lange, und buchte. Das 6-stündige Warten auf dem Flughafen wäre ja ohnehin nervig gewesen, wurde aber noch zusätzlich verlängert. Aufgrund von Gewittern wurde der Flugbetrieb nachmittags zwischenzeitlich eingestellt, und ich erwartete beinahe schon weitere schlechte Nachrichten, z.B. die nächste Flugabsage. Die kam erfreulicherweise nicht. Stattdessen gab es “nur” eine Verspätung. In der Zwischenzeit hatte ich mir verbleibende Zugoptionen ab dem Flughafen Barcelona zurecht gelegt, sowie ein Hotel mit langen Check-In Zeiten herausgesucht. Um 23:30 Uhr schlug ich dann erleichtert im Hotelzimmer in Granollers, etwas außerhalb von Barcelona, auf. Zur Erleichterung trug auch bei, dass ich nun nur noch eine überschaubare Zugfahrt von Llançà entfernt war. Ich legte mich beruhigt ins Bett.

Am Samstagvormittag blieb sogar Zeit, um in Granollers einen Fahrradladen aufzusuchen, und die Reifen nachzupumpen (einen Laden zu finden war nicht sonderlich einfach, da einer aufgelöst war, der nächste geschlossen hatte, und ein weiterer entgegen den Öffnungszeiten doch nicht offen hatte). Danach begab ich mich mit dem Zug auf die letzte Teiletappe der Anreise, und konnte kurz vor 14 Uhr die Startunterlagen entgegennehmen. Gerade pünktlich zum Briefing. Danach galt es noch einige Stunden totzuschlagen, bis zum Start um 20 Uhr.

Es ist angerichtet. Alle startbereit.
Foto von Jakub Kopecký, https://www.instagram.com/jacob_kopecky/

Zum Abend hin wurden die tagsüber hohen Temperaturen angenehmer. Wir versammeln uns am Start, und rollten nach dem Start zunächst hinter unserer Polizeibegleitung aus dem Ort heraus, bevor das Rennen offiziell freigegeben wurde. Wir fuhren im großen Pulk eine nette Küstenstraße entlang. Ich war auf den ersten welligen Kilometern relativ weit vorne im Peloton platziert. In einer Zwischenabfahrt krachte es plötzlich, und zwar in unmittelbarer Nähe, schräg hinter mir. Soweit ich es sehen konnte, waren mehrere Fahrer zu Boden gegangen, und das Rennen war nicht einmal 6 km alt. Da war es mir bereits klar, dass ich nicht in dieser Gruppe weiterfahren möchte. Am ersten klassifizierten Berg, Coll de Frare, ließ ich das große Kettenblatt drauf, fuhr mein Tempo, und setzte mich von der Gruppe ab. Vielleicht war es hier etwas früh, um sich nach lediglich 9 km nach vorne abzusetzen, aber sie kriegten mich nicht wieder. Bei späterer Analyse sah ich, dass die Gruppe auch im späteren Flachabschnitt auf französischer Seite zusammenblieb, aber selbst dort konnte ich keine sich nähernden Lichtkegel erkennen. Was ich hingegen in der (relativ kurzen) Zeit zwischen Abenddämmerung und Mitternacht schon sah, waren Wildschweine, und zwar diverse Male. Nachdem ich ja im Hinblick auf Wildschweine etwas gebrandmarkt bin, ließ ich in den Abfahrten entsprechende Vorsicht walten, und tauchte immer tiefer in die erste Nacht hinein. In den folgenden Stunden überquerte ich weitere Cols, während die Häufigkeit der Wildtiersichtungen abnahm. Gegen 5 Uhr morgens befand ich mich in der Auffahrt zum Col de Puymorens. Dort überholte mich ein Radfahrer. Am Grad seiner Radbepackung ordnete ich ihn zunächst als “Nicht-Transpyrenees-Fahrer” ein. Gefühlt hatte der Kerl nichts dabei. Recht schnell betrug sein Vorsprung gute 50 m, und es ließ mit keine Ruhe ihn einfach so fahren zu lassen. Ich holte ihn wieder ein, und wir überquerten die Grenze nach Andorra. Am Port d’Envalira waren wir noch immer beisamen, als die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Gipfeln durchblitzten. Die Abfahrt war rasant schnell, und ich musste den nächsten Track auf dem Navi laden. Ich verfuhr mich leider, und musste wieder einige Höhenmeter zurückstrampeln, um zur vorgegebenen Strecke zurückzukommen. Mein zwischenzeitlicher Begleiter, der Spanier Patxi Cap. Nr. 99, war somit zunächst enteilt, wobei ich ihn vor der Grenzüberquerung nach Spanien nochmals an einer Tankstelle stehen sah. Wenig später musste auch ich die Vorräte aufzufüllen, und Patxi Cap. Nr. 99 war wieder vorne weg. Zum Abschluss der ersten Sektion “Mediterranean Pyrenees” standen nun zwei richtige Brocken an, der Port del Cantó (Col 10) und Port de la Bonaigua (Col 11). Alle zwei sind gewaltige und lange Anstiege, die sich zogen wie zäher Kaugummi.

Schließlich hatte ich die Sektion “Pyrenees Central” erreicht, und damit auch einen Abschnitt, den ich teilweise vom letztjährigen Three Peaks Bike Race kenne, jedoch in entgegengesetzter Richtung. Beim TPBR war ich zwischen Luz-Saint-Sauveur und Vielha unterwegs, inklusive mehrerer populärer Tour de France Anstiege. Diesmal waren diese Berge auch zu fahren, ergänzt durch weitere Zusatzschwierigkeiten. Zunächst ging es auf den Col du Portilhon (Col 12). In der anschließenden Abfahrt holte ich Patxi Cap. Nr. 99 ein. Ich überhole ihn unmittelbar, und startete in den darauf folgenden Anstieg zum Col de Peyresourde (Col 13) mit Druck auf dem Pedal, um außerhalb des Sichtfeldes meines Verfolgers zu bleiben. Nach dem nächsten Berg, dem Val Lauron / Col d’Azet (Col 14), und der folgenden Abfahrt musste ich einen Einkaufsstopp einlegen, sodass Patxi Cap. Nr. 99 erneut die Gelegenheit hatte, mich zu überholen. Er startete somit vor mir in die Sackgasse Cap de Long (Col 15). Zu lange hatte es nicht gedauert, bis ich Patxi Cap. Nr. 99 wieder im Blick hatte, obwohl der Anstieg in dichten Nebel gehüllt war. Als die Steigung in einem Abschnitt etwas nachließ kurbelte er weiterhin recht gemächlich vor sich hin. Die Gelegenheit nutzte ich umgehend. Ich schaltete 2 Gänge hoch, schloss die restliche verbleibende Lücke, und schoss an ihm mit beträchtlicher Geschwindigkeitsdifferenz vorbei. Nur noch einmal sahen wir uns wieder, und zwar als ich von Cap de Long wieder herunterfuhr, während er noch auf dem Weg nach oben war.

Gerade eben die Führung übernommen. Volle Fahrt Richtung Col de Peyresourde.
Foto von Małgorzata Michalik, https://instagram.com/bite.of.me

Immer hässlichere Wetterbedingungen vor dem Gipfel des Col de Peyresourde. Ein Vorgeschmack auf später.
Foto von Carlos Mazón, https://www.instagram.com/biziosona/

In der Anfahrt zum nächsten Berg, Col d’Aspin (Col 16), war nichts mehr von den sommerlichen Bedingungen des zu Ende gehenden Tages zu merken. Erneut wurde ich vom Nebel begleitet, der wahlweise von Regen oder Nieselregen ergänzt wurde. Durchnässt stürzte ich mich in die inzwischen dunkle Abfahrt, und kühlte mit jedem Meter immer weiter aus. Als nächstes stand der Col du Tourmalet (Col 17) an, und mich überkamen Zweifel. Soll in meinem Zustand wirklich dort hoch fahren, und zwar bei den vorherrschenden Bedingungen? Wie soll ich die nächste Abfahrt überstehen? Schließlich ist der kommende Berg mit 2115 m noch einmal mehr als 600 m höher, als der zuvor. Die Dunkelheit umgab mich, während sich der Niederschlag minütlich verstärkte. Ich entschloss mich zur Weiterfahrt, erreichte die Passhöhe, und begann die Abfahrt. Schon bald fing ich am ganzen Körper an zu zittern. Mit Mühe gelang es mir, den Lenker gerade, und das Rad in Spur zu halten, ohne dass es sich aufschaukelte. In Luz-Saint-Sauveur angekommen wickelte ich mich in die Rettungsdecke, zog Steppweste und Regenjacke an, und zwang mich eine Weile zum Weitertreten, um wieder auf Temperatur zu kommen. Patxi Cap. Nr. 99 nahm den Col du Tourmalet nicht mehr in Angriff. Die Abfahrt Col d’Aspin hatte ihm wohl den Rest gegeben. Am nächsten Morgen stieg er aus dem Rennen aus. Mit dem Anfangstempo in den ersten 19 bis 24 Rennstunden, und mit seiner sehr minimalistischen Ausrüstung hatte er sich offensichtlich verkalkuliert. Ich hingegen nahm nachts Kurs auf den Col de Spandelles (Col 18), und schöpfte zwischenzeitlich Zuversicht als der Regen kurzzeitig nachließ. Bald kam jedoch ein Gewitter mit neuem Niederschlag auf, welches mich während der Auffahrt begleitete. Die anschließende Abfahrt zog meinem Körper unweigerlich das letzte bisschen Wärme. Gegen 2:45 Uhr erreichte ich Ferrières, und fand dort einen kleinen Raum mit öffentlich zugänglichen Büchern, der mir Zuflucht bot. Der Blick auf die Wetterprognose zeigte, dass noch etliche Stunden zu überstehen wären, bis der Regen nachlassen würde. Ich entschloss mich zu pausieren, vielleicht etwas zu schlafen, kam aber nicht wirklich zur Ruhe. Es war schlicht zu kalt. Etwa 1,5 Stunden verbrachte ich dort, und setzte danach die Fahrt Richtung Col du Soulor (Col 19) und Col d’Aubisque (Col 20) fort. In der langen Abfahrt vom Col d’Aubisque kam es wie es kommen musste. Ich kühlte erneut extrem aus, und suchte in Laruns eine glücklicherweise offene Boulangerie auf, um wieder auf Temperatur zu kommen. Am Stehtisch hinterließ ich eine beachtliche Lache am Boden, da sich die Nässe entlang meines Körpers ihren Weg nach unten bangte. Der Aufwärmvorgang kostete mich eine weitere Stunde Standzeit, aber der anbrechende neue Tag lieferte mir Hoffnung, und zwar auf Wärme. Den ganzen Vormittag war es noch frisch, und die Straßen immer noch mehr oder weniger nass. Bis 12 Uhr erklomm ich den zähen Somport (Col 22), und mir schwante erneut Böses vor der anstehenden Abfahrt. Auf spanischer Seite zeigte sich jedoch unmittelbar die Sonne, und es wurde stattdessen plötzlich und unerwartet sehr warm. Endlich!

Inzwischen war ich in der dritten Sektion der “Atlantic Pyrenees” angekommen, und kam auf den nächsten 3 kurz aufeinander folgenden Cols tatsächlich wieder ins Schwitzen. Besser als Frieren! Die Abfahrt vom Puyaron (Col 25) befand sich in einem extrem schlechten Zustand, mit zahlreichen Schlaglöchern, Schotterabschnitten, und Überresten von Steinschlag. Hinter einer Kurve lagen Steine, denen ich versuchte auszuweichen. Leider gelang dies mit dem Hinterrad nicht ganz. Die Reifenflanke wurde aufgeschlitzt, und die Luft entwich schlagartig. Ich reagierte unmittelbar, und brachte das Rad sturzfrei zum Stehen. Der Schnitt im Reifen erschien mir nicht besorgniserregend. Ich tauschte den Schlauch zügig, um machte mich wieder auf den Weg. Bis auf das Sträßchen zum Argibiela (Col 27) führte mich die Route anschließend auf breite, offene Straßen, auf denen mir der Wind das Vorankommen erschwerte. Ich überquerte mehrere Cols während der Himmel immer weiter zuzog, und erreichte abends Aribe, wo ich nochmals einen ordentlichen Einkaufsstopp einlegte. Hier begann der Anstieg zum Arnostegi (Col 30). Mit jedem Meter wurde es kühler. Regen setzte ein, und Nebel erschwerte wieder zunehmend die Sicht. Im oberen Teil fühlte ich mich, wie in einer anderen, unwirklichen Welt, und irgendwie fehl am Platz. Die Straße war schmal, nass, und teilweise verschmutzt. Sorgen hinsichtlich der bevorstehenden Abfahrt machten sich bei mir breit. Ich zitterte mich förmlich nach Saint-Jean-Pied-de-Port herunter. Als ich heil unten ankam, machte sich eine wohltuende innere Freude breit. Die Straßen waren dabei abzutrocknen, der letzte Berg oberhalb von 1000 m war hinter mir, und es war mir in diesem Moment immerhin nicht extrem kalt. Die nächsten beiden Cols Izpegi (Col 31) und Otxondo (Col 32) absolvierte ich bereits in der Dunkelheit. Danach führte der weitere Streckenverlauf weitestgehend bergab Richtung Küste. Die Temperaturen erlaubten es sogar, sich der Jacke zu entledigen. In Saint-Jean-de-Luz wurde ich noch einmal vom Mediacar, und vom Organisation samt Fotografin abgefangen. Die Zeit war gekommen, um die verbleibenden Kilometer zu genießen. Von Hondarribia aus galt es jedoch noch den Schlussanstieg Jaizkibel (Col 33) zu erklimmen. Hier hatten sie mich wieder alleine gelassen, sodass ich mich mit dessen Steilheit alleine rumplagen durfte. Von diesem kleinen Grüppchen wurde ich oben erwartet. Sie hatten eine eigene kleine Zieleinfahrt aufgebaut, die ich um 2:40 Uhr erreichte. Ich habe sie in vollen Zügen genossen. Die Zieleinfahrt ist in der Regel völlig unspektakulär, aber für mich persönlich immer etwas Besonderes. Oben angekommen wurde mir die übliche Transpyrenees Finisher-Medaille überreicht, und wir machten uns auf die restlichen verbleibenden und neutralisierten Kilometer nach Donostia-San Sebastián. Meine Fahrzeit für die 1080 km und 25000 hm lag bei 2 Tagen 6 Stunden und 40 Minuten (54:40 Stunden). Der Zweitplatzierte Christophe Cap. Nr. 103 erreichte das Ziel mit einem beachtlichen Rückstand von 12 Stunden und 36 Minuten.

Zieleinfahr am Jaizkibel 528 m über dem Meer. Es ist geschafft.
Foto von Małgorzata Michalik, https://instagram.com/bite.of.me/

Transpyrenees ist aufgrund des Höhenprofils sicherlich ein schweres Rennen. Bei der diesjährigen Austragung stellten die Wetterbedingungen definitiv eine Zusatzschwierigkeit dar. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass es die schwersten Bedingungen waren, unter denen ich bislang ein Bikepacking-Rennen bestritten habe. Dennoch bin ich froh, dass meine Teilnahme nicht schon am ausgefallenen Flug gescheitert ist.

Fotos:
Małgorzata Michalik, https://instagram.com/bite.of.me/
und
Jakub Kopecký, https://www.instagram.com/jacob_kopecky/
und
Carlos Mazón, https://www.instagram.com/biziosona/

text: adam bialek

4 Gedanken zu „Transpyrenees 2022&8220;

  1. Hallo Adam,

    ich beglückwünsche dich zu dieser unglaublichen Leistung und verneige mich vor dir. Da ich dieses Jahr selbst mitgefahren bin, weiß ich, welche Strapazen damit verbunden waren.
    Ich drücke dir die Daumen für alle deine zukünftigen Herausforderungen 🙂

    Thoralf

  2. Servus Adam ,wieder ein super Bericht
    Du könntest auch als Sport Journalist arbeiten und zugleich jede Tour selbst fahren

    Liebe Grüße
    Sepp

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