Iberica Traversa

Sonntag, 21.09.2025

Ich werde in Hendaye in einem kleinen feinen Appartement munter. Ich bin an die Spanisch/französische Grenze an der Antlantikküste gereist, um heute an der Startlinie der Iberica Traversa Gravel und Trail Edition zu stehen. Als ich zu meinem Garmin greife, den ich über Nacht zum Laden angehängt habe, lasse ich ihn sofort wieder fallen da es mir beinahe die Finger verbrennt. Nach der kurzen Schreck sehe ich mir den Garmin an und stelle erschreckt fest dass die gesamte Ladebuchse mit dem Ladestecker verschmolzen ist. Die Rückseite ist extrem heiß und lässt sich wegen der Hitze nicht angreifen.

Schockiert stehe ich auf und begebe mich zur Küche und bereite mir einen Kaffee zu. Als die Kaffeemaschine die Bohnen zermahlt und dabei den angenehmen Duft von frischen Kaffee verbreitet begebe ich mich zurück ins Schlafzimmer und versuche eher entmutigt den Garmin einzuschalten. Erstaunt stelle ich fest dass sich dieser ganz normal einschalten lässt. Mir fällt eine Last von den Schultern. Somit steht einem Start eigentlich nichts im Wege. Auch wenn ich das Gerät nicht mehr aufladen kann habe ich zumindest ca. 3 Tage Zeit mir eine Alternative zu überlegen bzw. zu organisieren. Beim Frühstück mit zwei anderen Kollegen (einer davon startet an der Iberica Traversa Road Edition, der andere ist auf einer privaten Radreise unterwegs) verbreite ich düstere Geschichten vom Feuertod, ausgelöst durch einen defekten Radcomputer beim Laden, dreier deutschsprachiger Radfahfahrer in einem französischen Appartement. Die Begeisterung der Kollegen darüber hält sich in Grenzen, mir hilft es mit dem Problem umzugehen.

Kurz vor 8 Uhr stelle ich mich mit 10 anderen Personen welche ebenfalls die Gravel und Trail Edition in Angriff nehmen an den Start. Etwas Small Talk, eine kurze Ansprache von Andi, dem Veranstalter, und häufiges fotografieren fahren wir gen Süden bei sehr bescheidenem Wetter. Es ist trüb und tröpfelt, in den nächsten Stunden entwickelt es sich zu einem intensiven Regen mit nur kurzen Pausen. Die Strecke führt uns schnell raus aus der spanischen Stadt Irun und entlang des Flusses Bidasoa an der Fasaneninsel (Baskenland) vorbei, welche abwechselnd von Spanien und Frankreich verwaltet wird und die kleinste Kondominium der Welt und das einzige, dessen Verwaltung alle sechs Monate wechselt.

Bei strömenden Regen geht es entlang eines wunderschönen, jedoch Großteils nicht asphaltierten, Radweges entlang. Aufgrund des schlechten Wetters kehre ich noch am frühen Vormittag in einem kleinen Ort in eine Bar ein und bekomme erstmals Kontakt mit der spanischen Barkultur Kontakt. Auf die Vitrine deutend suche ich mir verschiedenste spanische Köstlichkeiten aus und beobachte das laute Treiben. Allzulange bleibe ich nicht, denn den ersten Checkpoint, Pamplona, möchte ich jedenfalls heute erreichen.

Etwas später, bei Kilometer 41, beginnt der erste Anstieg welcher mich 840 Höhenmeter, mit bis zu 17 Prozent Steigung in das hinter der Küste gelegenen Bergmassiv bringt. Etwas später bekomme ich Kontakt mit dem so gefürchteten „Peanut Butter Mud“. Dieser nasse Tonerde haltiger Schlamm legt sich innerhalb weniger Meter um die Reifen und lässt ein vorankommen verunmöglichen. Alle paar Meter versuche ich mit einem Aststück den Schlamm vom Rad und Reifen zu befreien. Dieser blockiert so dermaßen, dass ein Schieben, des MTB Hardtails mit dem ich unterwegs bin, unmöglich macht. Diese Kilometer den Berg hinauf sind unglaublich ermüdend und schwierig. Gemeinsam mit dem kaputten Garmin der mir ständig im Blickfeld hängt fällt es mir im Moment wahnsinnig schwer Freude an dem Unternehmen zu finden.

Um 15 Uhr komme ich beim ersten Checkpoint der Fort San Cristóbal nördlich von Pamplona. Andi ist bereits da und macht von den ankommenden Fotos. Ein junger Radfahrer, ein Bürger aus Pamplona, spricht mich an und ist neugierig bezüglich der Veranstaltung. Sein Englisch ist gut und die Unterhaltung nett. Seine resolute Art, mich darauf hinzuweisen, dass er ebenfalls kein spanisch spricht, sondern nur baskisch und Englisch lässt mich in Erinnerung rufen, dass ich mich hier im Baskenland befinde, welches hier sehr stark Identitätsstiftend ist.

Die Abfahrt nach Pamplona zeigt mir wieder die Streckenführung von Andi auf. Nicht auf einer wunderschönen Asphaltierten Strecke geht es in die Stadt, sondern in einen stark verwucherten Wanderpfad. Zweimal falle ich mit dem MTB um, weil es mir nicht mehr gelingt, mich rechtzeitig aus den Klickpedalen zu lösen. In Pamplona angekommen, stelle ich fest, dass im gesamten Stadtgebiet Leute auf den Gehsteigen, zum Teil auch auf der Straße, auf Sesseln, bei Tischen sitzen und gemeinsam Essen, Trinken und den schönen Tag genießen.

Ich besorge mir etwas zu essen und trinken und fahre zur Autowaschanlage und befreie das MTB erstmals vom Schlamm und Dreck. Mithilfe meines Smartphones stelle ich fest dass keiner der beiden Decathlon Geschäfte einen Garmin Radcomputer lagernd hat. Eigentlich wollte ich hier übernachten und morgen früh einen neuen Garmin kaufen.

So jedoch begebe ich mich wieder auf mein MTB und genieße, mit dem Wind im Rücken, den herrlichen Nachmittag und fahre weiter nach Süden. Es werden noch 75 Kilometer bis ich bei einer Unterkunft in Murillo el Fruto klopfe und Frage ob Sie noch ein freies Zimmer haben. Der äußerst freundliche Wirt erklärt mir mit hervorragendem Englisch dass er sich mit seinem Koch zum Abendessen begibt und ich mich gerne dazu gesellen kann. Ein wunderschönes Zimmer bekomme ich ebenfalls. Das drei Gänge Menü welches mir serviert wird, füllt meine Speicher vollständig auf. Der Preis (50 €), den er inklusive Zimmer, Getränke und Abendessen verlangt, kommt mir aufgrund der wunderschönen Unterkunft und des reichhaltigen Essens absurd günstig vor.

Tag 1

179 km
3.377 HM
10:44 h Bewegungszeit

 

Montag, 22.09.2025

Ich werde um 6 Uhr munter, schaue auf mein Handy und stelle mit erschrecken fest dass dieses über Nacht nicht geladen hat und nur noch wenige Prozent Akkuleistung hat. Dieser Umstand lässt mir die Schweißperlen auf die Stirn steigen. Am Handy befindet sich eigentlich alles was mir das Reisen in den nächsten Tagen einfach und unkompliziert ermöglicht. Inklusive meinem Flugticket zurück in die Heimat. Doch egal was ich probiere, das Handy lädt nicht und schaltet sich wenige Minute später aus um dann kurz darauf wieder zu starten. Ich kann diese Schleife zwar unterbrechen und das Handy endgültig ausschalten, kann es aber nicht laden.

Ziemlich verunsichert und zweifelnd packe ich meine Sachen und verlasse die Unterkunft. Die nächste Ortschaft ist nur wenige Kilometer entfernt und ich versuche dort ein neues USB Kabel zu kaufen um diese Fehlerquelle auszuschließen. Ich bekomme eines, leider bringt es nicht den Erfolg, den ich mir erhoffe. Weiter auf den Track und komme ich in das erste Naturschutzgebiet, die Bardenas Reales de Navarra. Eine Halbwüste, welches von der UNESCO als zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Leider kann ich wegen meines leeren Handys keine Fotos machen. Die Landschaft ist sehr beeindruckend. Kurz nach dem zweiten Checkpoint sehe ich Andis Auto und deute im anzuhalten. Ich erzähle im von meinem nicht mehr ladefähigen Garmin und Handy und frage ihn ob sich irgendwo in der Nähe eine größere Stadt befindet. Andi empfiehlt mir nach Tudea zu fahren. Eine größere Stadt welche etwas abseits der Gravel Route liegt wo ich aber mit Sicherheit die richtigen Geschäfte finden werde. Dankend greife ich den Tipp auf und fahre weiter, während mir Andi noch viel Glück wünscht. Eine Stunde später stehe ich in einem Handyladen in Tudea und ein freundlicher Asiate löst mein Problem mit dem Handy in wenigen Minuten. Er kann die Installation eines Updates unterbrechen und mir auf seinem Messgerät zeigen dass sich das Handy ganz normal laden lässt. Er empfiehlt mir jedoch das Handy noch einige Zeit bei seinem Ladegerät anzuhängen. Ich greife diesen Vorschlag dankend auf und begebe mich in der Zwischenzeit in zwei Fahrradgeschäfte und versuche mein Glück bezgl. Eines neuen Fahrradcomputers. Dabei habe ich leider weniger Erfolg. Keiner der beiden Läden hat auch nur irgendetwas lagernd. Gegen Mittag hole ich mein Handy ab und fahre raus aus der Stadt zum Decathlon, auch dort wird mir mitgeteilt was ich bereits vermutet habe. So teure Geräte haben Sie nur auf Vorbestellung und auf keinen Fall lagernd.

Ich bin von diesem Umstand ziemlich genervt. Ebenfalls wenig begeistert mich der Umstand, dass ich nun durch die gesamte Stadt zurück auf meine ursprüngliche Strecke muss. Ich stelle jedoch fest dass ich mich auf der Iberica Traversa Road Strecke befinde und überlege ob ich nicht einfach darauf zurück auf die Gravel Strecke fahre. Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich dafür. Auch auf die Gefahr hin disqualifiziert zu werden oder eine Zeitstrafe zu erhalten, ist der Weg zurück, durch die große Stadt und die bescheidene Straße zur Halbwüste, für mich nicht vorstellbar. Die Road Strecke jedoch bringt mich auf eine wunderschöne Anhöhe in El Buste welche einen traumhaften Blick auf die Umliegende Gegend eröffnet. Zurück auf der Gravel Strecke empfängt mich ein wunderschöner spät Nachmittag entlang schöner Schotterstraßen und kleinen spanischen Dörfern. Am Abend finde ich eine Pilgerherberge mit dem bereits vertrauten Fleisch lastigen drei gängigen Menü, einem Bett und sehr günstigen Preis. Ein Kollege der Road Strecke befindet sich ebenfalls in der Unterkunft. Ein Gespräch ergibt sich leider nur bedingt, da er nur Italienisch und Spanisch spricht.

Tag 2

156 km
2.060 HM
08:02 h Bewegungszeit

 

Dienstag, 23.09.2025

Ich starte mit einem vollgeladenen Handy um kurz nach fünf Uhr früh in den Tag. Da ich weiß, dass mir der Tagesbeginn ca. 700 Höhenmeter klettern bringen finde ich die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt halbwegs erträglich. Bei Kilometer 60 eröffnet sich für mich eine plötzliche Änderung der Landschaft wie ich Sie in dieser Art noch nie erlebt habe. Die Erde ist rot, offene Flächen und schroffe Hänge. Ich befinde mich plötzlich mitten in einer Gegend wie ich Sie nur aus Cowboy Filmen kenne, im sogenannten „Wilden Westen“. Ein Wanderschild weist auf diese Gegebenheit hin und zeigt mir die Richtung nach „Far West Atecano“ an. Ich bin bis auf ein paar Männer, auf Enduro Maschinen und gekleidet im militärischen Grün komplett allein. Die Strecke ist abwechslungsreich und eine wirklich angenehm zu fahrende MTB Trail Strecke mit nur kurzen Abschnitten die ich, aufgrund der Steilheit, schieben muss. Doch nur 15 Kilometer später ändert sich die Landschaft wieder komplett und ich arbeite mich sukzessive einen Anstieg zu einem wunderschönen Stausee, dem Embalse de la Tranquera. Hier zeigt mir ein Wegweiser zum ersten Mal die Richtung und Entfernung nach Madrid und mir wird bewusst wie weit ich mich schon nach Süden gearbeitet habe. Die kommenden Kilometer sind geprägt durch Weizenfelder die bis an den Horizont reichen. Ich befinde mich die gesamte Zeit auf über 1200 Meter Höhe und die meiste Zeit bewege ich mich auf perfekt asphaltierten Straßen. Erst als die nächstgrößere Stadt in die Nähe rückt nimmt auch der Verkehr zu und erfordert mehr Achtsamkeit. In Molina de Aragon mache ich ein Kontrollfoto und fahre nach einem kurzen Einkauf weiter. Es ist ein wunderschöner Sommerabend und ich genieße das Radfahren. Nur bezüglich der kommenden Nacht mache ich mir etwas sorgen. Die Gegend wird immer verlassener und ich beginne mir etwas sorgen bezüglich meiner Unterkunft für die kommende Nacht zu machen. Im Tal den Fluss Tajo (welcher bis Lissabon fließt) folgend wird es jetzt bereits spürbar kälter. Die enge Schlucht bietet mir jede Menge Höhlen deren Boden jedoch von Steinen bedeckt sind und mir daher als zu unsicher scheinen. Ich verlasse den Track und fahre einige Kilometer einen Anstieg nach Zaorejas hinauf. Hier auf 1250 Meter Höhe ist es wärmer als in der Schlucht am Fluss. Leider sind alle drei Hotels ausgebucht. Ich nutze jedoch ein Hotel zum Abendessen und begebe mich nach einer kurzen Suche im Ort auf den Friedhof für meine Nachtruhe. Hier finde ich ein kleines Häuschen vor, welches einen so weit intakten Eindruck hinterlässt, dass es die kommende Nacht wohl nicht zusammenbrechen wird. Die vielen Kreuze, die darin liegen sind etwas unangenehm, nichtsdestotrotz schlafe ich schnell ein und verbringe eine erholsame Nacht.

Tag 3

205 km
3.725 HM
12:34 h Bewegungszeit

 

Mittwoch, 24.09.2025

Ich wache in dem kleinen Häuschen am Friedhof auf. Beim Zusammenpacken entdecke ich einen (mit  großer Sicherheit) menschlichen Unterkiefer liegen. Etwas beunruhigt versuche ich schleunigst den  Friedhof zu verlassen, ohne gesehen zu werden. Beim Hotel vorbeifahren sehe ich, dass die Tür einen  Spalt offen steht und nutze die zugängliche Toilette für meine Morgenhygiene. Die Abfahrt zurück in  das Flusstal ist bitterkalt. Unten im Tal sehe ich einen anderen Teilnehmer, welcher in einem kleinen  Häuschen am Fluss geschlafen hat. Er zittert und flucht über die Kälte. Er ist Spanier und sagt er hätte  nie mit so einer Kälte gerechnet. Ich fahre weiter und treffe auf einen weiteren Teilnehmer. Dieser ist  deutschsprachig und ich genieße es mich kurz in meiner Muttersprache über die Schönheit des  Parque Natural del Alto Tajo zu unterhalten. Viele Stunden später treffe ich in einem kleinen  verlassenen Ort zufällig auf einen rollenden Krämerladen in Form eines LKWs. Dieser Fahrer der  offenbar die verlassenen Orte mit den lebensnotwendigen Gütern versorgt bietet mir die  Gelegenheit meine bereits erschöpften Lebensmittelreserven aufzufüllen. Neben mir erledigen eine  Handvoll ältere Personen hier ihren Wocheneinkauf. Mir wird vor Augen geführt, wie sehr die  Landflucht diese Gegend Spaniens betrifft. Gefühlt auf jedem zweiten Haus hängt ein Schild „en  venta“(zu verkaufen). In Las Majadas ist es so weit und ich muss meinen Track auf den Garmin Edge  beenden. Der Akku ist endgültig leer und ich navigiere mit meiner Garmin Uhr weiter. Dies  funktioniert erstaunlich gut. Nur wenn die Strecke mehr Möglichkeiten zulässt, ist es schwer zu  erkennen welche meine Strecke ist. Die nächsten Kilometer bringen mich durch wunderschöne  Wälder zum Camino de la Raya. Ich verbleibe jedoch auf der Alternativstrecke und spare mir den  Wanderweg der hier optional ist. Die Ausblicke in das Tal sind traumhaft. Jedoch der enge und extrem steile Abstieg sehr anspruchsvoll. Ich fahre noch bis Cuenca, die nächstgrößere Stadt. Die  letzten Kilometer sind unglaublich zäh. Den letzten Anstieg kurz vor der Altstadt, in dem ich ein  Zimmer gebucht habe, muss ich schieben, weil mir die Beine komplett den Dienst versagen.

Tag 4

166 km
3.297 HM
10:35 h Bewegungszeit

 

Donnerstag 25.09.2025

Ich starte um 06:20 in den Tag und organisiere mir in Cuenca ein Frühstück und genügend Nahrung  für die kommenden Stunden. Bei einer Tankstelle wasche ich zum zweiten mal mein MTB. Die  nächsten 100 Kilometer sind relativ unspektakulär aber angenehm zu fahren. Hauptsächlich  Feldwege die ein relativ zügiges Fahren erlauben. Bei Kilometer 105 komme ich nach Alarcon. Dieses  mittelalterliches Bergdorf raubt mir aufgrund der Schönheit den Atem. Überall finden sich Hinweise  auf den Besitzer (im 14 Jahrundert) Juan Manuel. Ich esse hier zu Mittag und genieße dieses  wunderschöne Wetter und herrlichen Ort. Der restliche Tag ist wieder geprägt durch  Landwirtschaftliche Felder und Bewässerungsanlagen in einem Ausmaß wie ich es noch nie gesehen  habe. Am späten Nachmittag verlasse ich den Track und fahre zum Decathlon in Albacete. Hier hole  ich mir meinen reservierten Garmin Edge 540 ab. Nach kurzer Anmeldung habe ich wieder einen  Radcomputer der mich der Strecke entlang führt. Da Albacete offenbar komplett ausgebucht ist und  ich kein freies und bezahlbares Zimmer vorfinde verlasse ich die Stadt in Richtung Süden und begebe  mich zurück auf den Track. Komoot führt mich zu einem wunderschönen Picknickplatz wo ich, unter  einem Dach, neben einen tschechischen Radfahrer eine angenehme Nachtruhe finde.

Tag 5

186 km
1.669 HM
10:22 h Bewegungszeit

 

Freitag 26.09.2025

Es ist eisig kalt, als ich auf dem kleinem Picknickplatz erwache. Erst kurz nach halb acht gelingt es mir  mich aus dem kuschlig warmen Schlafsack zu schälen und nach einer kurzen Morgenhygiene mich auf  das Rad zu schwingen. Nach wenigen Kilometer erreiche ich ein unscheinbares Häuschen neben dem  Track. Dieses markiert die Hälfte der Strecke nach Tarifa. Mir kommt es unwirklich vor noch einmal  so lange am MTB zu sitzen, weiß aber aus anderen Veranstaltungen dass dieser Gedanke wieder  verloren geht.

Die Strecke ist eine aufgelassene Eisenbahnstrecke die auf feinsten Schotter, durch viele Tunnel und  Brücken immer weiter nach Südwesten führt. Beeindruckend ist auf den ersten Kilometer die  Kanichenpopulation. Gefühlt alle 3 Meter springt entweder von links oder rechts ein Kanichen vor  dem Rad vorbei. Bremsen ist absolut sinnlos bei der Anzahl an Tieren. Jedenfalls hab ich Glück und  erwische kein einziges. In Alcaraz sitze ich mit einem anderen Teilnehmer vor einem Supermarkt,  genieße das Wetter und esse gemütlich zu Mittag. Die Strecke führt jetzt, entlang von bis an den  Horizont reichenden Oliven Plantagen. In Siles zeigt sich erstmals ein Stausee der wegen der  vorherrschenden Trockenheit nur noch aus ein paar kleinen Rinsalen besteht. Der Duft welcher in der  Luft liegt lädt ebenfalls nicht zum verweilen ein. In Siles nutze ich noch einen Supermarkt zum  einkaufen und fahre in eine wunderschöne Sommernacht hinein. Knapp zwei Stunden später finde  ich eine kleine Schutzhütte vor welche im inneren mit einem herrlichen, kostenfreien Schlafplatz  aufwartet.

Tag 6

152 km
2.828 HM
09:49 h Bewegungszeit

 

Samstag 27.09.2025

Ich packe in der angenehm warmen Schutzhütte meine Sachen zusammen und begebe mich um  06:40 zurück auf die Straße. Diese empfängt mich mit rund 350 HM klettern was bei den  vorherrschenden Temperaturen von ca. 6 Grad sehr angenehm ist. Ich komme zum Charco del humo  und Cueva del agua von Pontonoes. Komoot beschreibt diesen Abschnitt als schwere Wanderung,  gute Kondition und Trittsicherheit ist nötig. Ich quäle mich mit dem MTB die Stufen und engen Pfade  rauf. Immer wieder sind Rampen wo es nötig ist das MTB hochzuwuchten. Zwei Stunden und 30  Minuten benötige ich für die 600 Höhenmeter und 7 Kilometer lange Wanderung.

Ich genieße jetzt umso mehr den nächsten Anstieg angenehm und einfach raufzutreten. Die  Landschaft die mich empfängt ist steppenartig, verlassen und wunderschön zum MTB. Am Abend  erreiche ich den drittgrößen Stausee Andalusien, den Embalse del Negratin. Eine schier unendliche  Wasserfläche. Ich buche ein Zimmer in Gorafe. Um halb 11 Uhr Nachts treffe ich dort ein. Die  Unterkunft zielt besonders auf Radfahrer ab und ist ein Checkpoint beim berühmten „Badlands“-  Rennen.

Die Frau des Besitzers bereitet mir noch ein drei Gänge Menü zu, währenddessen mir ihr Mann  vorschlägt noch nachts mein Rad zu reinigen und zu servicieren. Er zeigt mir Bilder von seiner Iberica  Traversa Teilnahme und erzählt leidenschaftlich von dem schlechten Wetter in seinem Jahr.  Anschließend begebe ich mich zu Bett.

Tag 7

171 km
3.400 HM
11:39 h Bewegungszeit

 

Sonntag 28.09.2025

Der Wecker läutet mich um 05:00 Uhr aus dem Bett. Eine dreiviertel Stunde später schnappe ich  mein frisch geputztes und serviciertes Rad und radle den Anstieg aus den Ort raus. Die Route führt  mich durch die Gorafe Wüste. Aufgrund der Tageszeit kann ich leider nichts von der Umgebung  sehen, erst um 08:00 Uhr erscheint die Sonne am Horizont. Ab Kilometer 30 führt mich die Strecke  zurück auf den Asphalt und erleichtert das Vorankommen deutlich. Weiter führt mich die Strecke  nach Süden in die Sierra Nevada und rauf, auf den Collado del Alguacil und somit nach 110 km mit  1894 HM auf den höchsten Punkt der Reise. Die Aussicht die einem hier geboten wird sind  unglaublich abwechslungsreich und traumhaft schön. Die darauffolgende Abfahrt führt mich nach 20  Kilometer rein nach Granada. Die schier unglaublichen Menschenmassen, die sich am Sonntag durch  diese Stadt drängen sind ein regelrechter Schock für mich nach tagelanger Einsamkeit. Ich versuche  schnell den Kontrollpunkt und verlasse die Stadt. Aufgrund der Regenfronten, die am Horizont  sichtbar sind und den sich anbahnenden Regenschauern, beende ich mein Tagewerk in einem  wunderschönen Hotel in Santa Fe.

Tag 8

156 km
2.930 HM
10:23 h Bewegungszeit

 

Montag, 29.09.2025

Kurz vor 06:00 Uhr rolle ich bei leichten Nieselregen aus Santa Fe raus Richtung Süden. Der  Nieselregen welcher im stärker wird erschwert das Radfahren massiv. Der Schlamm klebt regelrecht  auf den Reifen. Zum Glück verändert sich die Strecke wieder und erleichtert das Vorankommen. Die  Strecke ist sehr abwechslungsreich und der Checkpoint in Antequera bietet einen traumhaften Blick  auf den Festungshügel. Die kleinen Ortschaften mit den berühmten weißen Häusern Andalusiens sind  wunderschön. Meine Beine sind relativ gut und mir macht das Radfahren sehr viel Spaß. Leider  erreiche ich den Checkpoint caminito del rey erst in der Nacht und kann den berühmten Königspfad  nur erahnen. Ich fahre die 20 Kilometer nach Ardales um dort meine reservierte Unterkunft zu  beziehen. Bei der Ortseinfahrt muss ich mein Rad durch eine, zum Glück bereits verlassene, Baustelle  tragen, die ich wohl bei Tage unmöglich hätte queren können. Ich beziehe meine Unterkunft, Dusche  und falle nach einem langen Tag völlig erschöpft ins Bett.

Tag 9

184 km
4.030 HM
13:06 h Bewegungszeit

 

Dienstag, 30.09.2025

Ich beginne mein Tagewerk kurz vor 7 Uhr. Die Strecke bringt mich über schöne Forststraßen nach El  Burgo. Hier ändert sich die Charakteristik der Strecke grundlegend. In einem Waldgebiet verlasse ich  die wunderschöne Forststraße und biege auf einen Wanderpfad ab. Die 700 Höhenmeter Anstieg  sind nur zu Fuß bewältigbar und das MTB welches ich ebenfalls mithochwuchte, erschwert das ganze  immens. Über 2 Stunden benötige ich für diesen Anstieg und mehr als nur einmal frage ich mich was  ich hier eigentlich mache. Nichtsdestotrotz ist der Blick der sich mir am Kammübergang zurück bietet  wunderschön und die Anstrengungen schnell vergessen. Kurz darauf rolle ich in Ronda ein und  begebe mich zu einem kalorienreichen Essen in einem Fast Food Restaurant. Etwas später bringt  mich die Strecke zur berühmten Puente Nuevo in Ronda. Dicht drängen sich hier die Touristen um  einen Blick von der knapp 100 Meter hohen Brücken. Die Strecke bringt mich runter und bietet mir  noch einen zweiten Blick aus der Schlucht rauf auf die sogenannte “Neue Brücke (Puente Nuevo)”.  Die weitere Strecke bringt abwechslungsreich immer weiter nach Süden. Teile davon durch frisch  abgeschälte Korkeichen Bäume. Der Geruch der mir bis dahin unbekannt war ist wahnsinnig gut. Spät  am Abend sehe ich auf einer Anhöhe zum ersten Mal den Felsen von Gibraltar. Es wird mir zum  ersten Mal bewusst dass sich meine Reise dem Ende zuneigt. Leider gelingt es mir nicht, genügend  Kraft aufzubringen und bis Tarifa durchzufahren. Kurz vor 1 Uhr früh erkenne ich Sinnlosigkeit meines  Unterfangens und beziehe mein bisher einfachstes Quartier auf dieser Reise. Ich rolle meinen  Notfallbiwak Sack neben der Straße aus und schlüpfe in meinen Schlafsack und schlafe kurz danach  ein.

Tag 10

163 km
3.100 HM
12:22 h Bewegungszeit

 

Mittwoch 01.10.2025

Ein LKW der mit quietschenden Reifen neben meinen “Nachtquartier” anhält und etwas auf spanisch  runteruft weckt mich. Ich sage ihm auf Englisch das alles in Ordnung ist und ich keine HIlfe benötige.  Der LKW-Fahrer ruft OK zurück und fährt weiter. Ich hingegen schlüpfe aus meinem Schlafsack. Um  halb 8 radle ich weiter nach Süden nach Tarifa. Noch einmal gehts rund um einen Stausee. Kurz vor  Tarifa kommt mir Andi, der Organisator, entgegen. Er hat sich Sorgen gemacht, da sich mein “Dot”  offenbar schon länger nicht mehr bewegt hat. Er freut sich, dass alles in Ordnung ist, dreht um und  fotografiert mich kurz vor der Ortseinfahrt in Tarifa. Erleichtert erreiche ich den südlichsten Punkt  Spaniens und die Windfahne, welche einem Fisch nachempfunden ist.  Ich bin der zweite Finisher und sehr froh darüber, diese unglaubliche Reise unverletzt, ohne  gravierende Stürze und ohne mechanische Defekte am Rad gemeistert zu haben.

Tag 11

55 km
765 HM
03:08 h Bewegungszeit

 

Summe:
1.773 km
31.180 HM
240 h und 30 Minuten Gesamtzeit

fotos & text: stefan eferdinger

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