… „kann körperlicher Schmerz geistiger Gewinn sein?“
Also schon wieder Brevet, wäre nicht nach jeder Veranstaltung ein freies Wochenende, wäre es wohl Stress. Es ist Mai, das Wetter aktuell eher nicht. Kühl, windig und noch dazu kräftige, lokale Schauer möglich. Ich lasse mich (fast schon traditionell) von Stefan dankenswerterweise zum Startort chauffieren. Willy wills wissen, nach dem 300er vor 2 Jahren jetzt nun mal nen 400er raushauen. Das sind normalerweise nicht seine Distanzen.
Für Interessierte eine kurze, aber wohl treffende Charakterisierung aus dem Jahre 2018 – immer noch gültig:
„in hofdorf gesellt sich dann willi dazu. hannes` hintergrundinfo: „den müssen wir dann nach regensburg reinziehen“. nun, dem ist mitnichten so. willi, ausstaffiert mit einem relativ voll bepackten rucksack, sieht keinerlei veranlassung, müßig zu pedalieren. au contraire. ich traue meinen augen nicht, als er an uns vorbei zieht und ich 51 km/h auf meinem tacho notiere. …wir erreichen regensburg. keine weiteren fragen. außer…sollte man willi seinen rucksack jemals wieder abnehmen?“ (https://www.gangofdreams.com/cyclingnotes/un-dos-tres)
Willy hat gerade sein viertägiges Fasten gebrochen. Wir trinken Bier und Wein am Vorabend in maßvollen Dosen. Mein Frühstück ist italienisch minimal.
Vor Ort am Röcklplatz einige bekannte Gesichter. Auch Bernhard, den ich seit der Coronaabdrift seinerseits nicht mehr gesehen bzw. gesprochen habe. Es ergibt sich ein herzliches Gespräch, unterwegs folgen entspannte Witzeleien.
Irschenberg-Sudelfeld-Samerberg-Hochberg, dann flach, so der grobe Streckenplan. Der Irschenberg quält mich schon recht arg, ich habe wohl heute „nicht die richtigen Beine“. Weiter geht’s Richtung Schliersee nach Bayrischzell (inkl. Hagelschauer). Über das Sudelfeld wird es recht frisch. Nicht nur, dass meine linke Hand nicht mehr schalten kann, sie fühlt sich an wie ein Eiszapfen. Ist nur aus Symmetriegründen dabei.

In Grainsbach im Cafe dann die unvermeidliche „Langstreckenfahrer trifft auf Unwissende“-Unterhaltung. „Wo kommt ihr her, wo fahrt ihr hin“. Was dann in Staunen (oder will der Langstreckenradler bewundert werden?) mündet. Willy kanzelt das lautstark mit „Midlifecrisis“ ab. Recht hat er, verschwendete Energie.
(N.B. von dem später auftauchenden „ekligen Monumentaldurchhänger und Magenproblemen zwischen Waldkraiburg und Grafing Bahnhof.“ eines Prahlenden wird dann natürlich nicht gesprochen.)
Wir mogeln uns eher zufällig um die teils heftigen Schauer an den Vorbergen vorbei und lassen uns recht geschmeidig bis nach Burghausen blasen. Dort verliere ich (und auch W) uns aus den Augen. Wer den ganzen Tag kaum Energie zu sich nimmt, wird auch im Kopfe träge.
Wir befolgen die 75%-Regel („sind ¾ der Strecke erledigt, werde lustvoll“: Im zäh ersehnten Waldkraiburg ist eine normale Essenzufuhr wichtiger, als den Brevetregeln zu entsprechen und nach irgendwelchen Kontrollstellen (die wegen einer Umleitung umfahren wurden) zu suchen. Eine kleine Auszeit in einer Taverne. Man platziert uns (zu Recht, Entmenschung beginnt) ins allerletzte Eck. Noch fünf Kilometer und wir haben unsere Herberge erreicht.

Ein weiteres Bier reicht nicht, um unseren Frieden zu finden. Zu arg ist Kopf und Körper beansprucht. Willy zieht die Schmerzmittelkarte, ich sortiere diesen Text bereits vor und spüre meinen lädierten Köper.
Es startet zäh in den zweiten Tag. Großes körperliches Leid (zumindest anfänglich bei mir) wird dann doch zur willentlichen Stärke (so schöne Gegend hier, es läuft doch).
410 km // 4.000 hm // 16 h (netto)
Photos: Willy & HK – Text: HK