bella italia – von garmisch-partenkirchen nach bologna

wie durch ein wunder ergibt sich ein freier zeitraum von einer woche. und so schmieden h. und ich innerhalb kürzester zeit den plan, von garmisch-partenkirchen über pisa und rimini nach bologna zu radeln. tagsüber quälen wir uns über den asphalt, um abends „la dolce vita“ zu genießen. was kann es schöneres geben? …

1. etappe (7. juli): von garmisch-partenkirchen nach lana: 184km. 3086hm.

um 4.42 uhr sitzen wir im zug nach garmisch-partenkirchen. die räder sind voll bepackt, wie es sich für längere radreisen gehört. trotz allem haben wir nur das allernötigste dabei, um jedes gramm an gewicht zu sparen. der himmel ist grau und wolkenverhangen, als wir uns gegen 8.15 uhr auf den weg machen. die beine sind noch frisch, wir kommen gut voran und machen eine erste rast in sölden – dem startort des ötztaler radmarathons.

dann folgt der von stetem gegenwind begleitete anstieg zum timmelsjoch (2509m ü.d.m.), das wir bei frischen 9 grad um 15 uhr erreichen.


da das wetter weiterhin sehr trüb ist, machen wir uns wenig später an die schier endlose abfahrt hinunter nach st. leonhard in passeier.

die ostanfahrt zum timmelsjoch

bereits um 17 uhr erreichen wir unser erstes etappenziel lana. h. betritt die von ihm gebuchte pension und wird abgewiesen. als er weiterhin auf sein recht auf unterkunft pocht, erläutert ihm der wirt vorsichtig, daß er dies doch 200 meter weiter in der tatsächlich reservierten pension tun solle. unser ritt hinterlässt anscheinend seine ersten mentalen spuren.
nach dem telefonat mit meiner tochter begeben wir uns in die „traube“, um zu speisen. unser kalorienbedarf wird von tag zu tag steigen. als ein gewitter über den ort hinweg fegt, überlässt uns die restaurantbesitzerin zwei regenschirme, um trockenen fußes zur pension zurückkehren zu können. noch ahnen wir nicht, daß einiges auf uns zukommen wird…

2. etappe (8. juli): von lana nach paratico: 210km. 3169hm.

nach einem exzellenten frühstück bringen wir brav die regenschirme zurück. gleich darauf befinden wir uns schon im ersten, mehr als 1200hm langen anstieg zum gampenpass hinauf. mehrmals überholt uns eine schnittige junge rennradfahrerin – nennen wir sie fanny. sollte ich noch einmal heiraten, dann wäre das so eine.

es folgt eine lange gezogene abfahrt hinunter zum lago di santa giustina.

die temperaturen steigen an und so nutzen wir jede quelle, um unsere trinkwasservorräte aufzufüllen.

auch andere mitstreiter wollen offensichtlich an unserer labe teilhaben.

nach 94km überschreiten wir mit unserer ankunft auf dem passo del tonale die 3000hm-marke – ein ordentliches pensum für eine zweite etappe.


dann beginnt die nicht enden wollende abfahrt hinunter zum lago d`iseo. da der akku meines wahoo-computers altersschwächesymptome aufzeigt, steigen wir kurz ab, damit ich diesen aufladen kann. wir nutzen die zeit, um auch uns mit dem nötigsten zu versorgen.

35km vor dem heutigen ziel erwischt uns das erste gewitter. wir rasten unter einer brücke, um dem regen zu entgehen, der uns dann aber doch noch in form von sintflutartigem starkregen einholt. h.`s wahoo säuft ab und wir irren die letzten kilometer nach paratico. es ist bereits 20 uhr, als wir ankommen – zu lang und sehr fordernd war diese etappe. wir duschen und trinken den rotwein, der uns in unserer unterkunft zur verfügung gestellt wird. dann machen wir uns mit den rädern hinunter in den ortskern, um die erste herausragende pizza und ein gelato (natürlich bacio!) zu genießen. weder h. noch ich denken daran, das telefon mitzunehmen. und so steuern wir nach dem essen noch ziellos eine dreiviertelstunde in paratico umher, bis wir endlich – nach mindestens 300 zusätzlichen höhenmetern – unsere bleibe gefunden haben und gegen 23.30 uhr todmüde ins bett fallen. regeneration, was ist das?

lago d`iseo
lago d`iseo nach erfolgtem starkregen

3. etappe (9. juli): von paratico nach borgo val di taro: 186km. 1834hm.

wir stehen ziemlich gerädert auf und kassieren die quittung für unser gestriges lotterleben. das frühstück bei – nennen wir sie francesca – ist grandios, lindert aber nur ein bißchen unsere körperliche pein. gegen 8.45 uhr brechen wir viel zu spät auf und kriechen auf kleinen straßen durch die poebene. gegenwind und temperaturen um die 35 grad machen das unterfangen nicht gerade einfacher. kurzer halt dann in piacenza. der pizzaiolo verweigert mir den aglio auf der buffalina. ich fürchte, das werde ich in italien nicht durchsetzen können.

wir fahren weiter und kommen in der hitze nicht mehr mit dem auffüllen unserer trinkflaschen hinterher. an einer tankstelle zweigen wir notgedrungen an einem wasserhahn flüssigkeit für unsere gierigen kehlen ab – kurz bevor der erste größere anstieg droht. und der tut weh, auch wenn nur knapp 500hm zu bewältigen sind.

obwohl die etappe heute keine 2000hm hat, bin ich völlig im arsch. ich ziehe meine lehren aus dem vorangegangenen tag und rationiere den alkoholkonsum. ob sich h. daran hält, ist freilich eine andere frage. gemächlich geht es wieder bergab und wir bewundern die herrliche landschaft des apennins.


im schneckentempo und mit adriano celentanos „questa è la storia…“ in den ohren erklimme ich den zweiten pass, der uns noch einmal auf 1000m ü.d.m. hinaufführt.

mitten in der abgeschiedenheit des apennins telefoniere ich für 10 minuten mit meiner tochter. gleich darauf erreichen wir um 18.30 uhr borgo val di taro – genügend zeit, um sich den alltäglichen routinen wie dem auswaschen unserer fahrradkleidung zu widmen.

später verschwindet in der trattoria die nächste pizza samt dem obligatorischen insalata mista sang- und klanglos in unseren mägen – als i-tüpfelchen un cono con bacio!

borgo val di taro

4. etappe (10. juli): von borgo val di taro nach pisa: 175km. 1653hm.

heute fühlen sich die beine schon wieder etwas leichter an. gleich zu beginn klettern wir den schönen anstieg zum „passo cento croci“ hinauf, der uns noch einmal auf 1055m ü.d.m. bringt.

oben angekommen lernen wir einen netten zürcher kennen, mit dem wir ein wenig plaudern. auf der langen abfahrt begegnen uns zwei italienische rennradfahrer, die uns beinahe zum essen eingeladen hätten, wenn wir nicht unversehens scharf nach rechts abgebogen wären. wir mühen uns weiter durch den dschungel des apennins und machen bekanntschaft mit einer gelbgrünen zornnatter.

dann verlassen wir den apennin und sehen zum ersten mal das meer – namentlich das ligurische. wir sind im „parco nationale delle cinque terre“ angelangt, wo wir in der mittagshitze von 36 grad eine kurze rast einlegen.

die anstrengung unserer reise macht sich bemerkbar.
parco nationale delle cinque terre

nach der hafenstadt la spezia haben wir die letzten hügel hinter uns und es geht flach am meer entlang. die italienischen autofahrer gleiten nah aber sanft an uns vorbei. daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. 40km vor unserem heutigen ziel parken wir unsere räder am strand, schälen uns „mr.-bean-gleich“ aus unseren fahrradklamotten und springen ins meer. unsere hippieske aktion sorgt – wenngleich unkommentiert – für aufsehen bei den italienischen strandbesuchern. meine unterhose als badebekleidung scheint hier eine recht unorthodoxe methode zu sein. h. ist immerhin der gesellschaftlichen norm entsprechend mit badehose unterwegs.

die dann folgende, grenzenlos wirkende strecke am strand entlang ist nervenaufreibend. wir kommen kaum voran. entweder sind es die permanent rot aufleuchtenden ampeln oder die „crazy people“ auf dem fahrradweg, die uns förmlich lähmen. einige einheimische rennradfahrer sehen die roten ampeln nur als „empfehlung“ und radeln leger darüber hinweg. irgendwann tun auch wir es ihnen gleich, um eine ankunft noch am heutigen tag realistisch erscheinen zu lassen. die schönheit pisas indes entschädigt für die letzten ermüdenden kilometer…


5. etappe (11. juli): von pisa nach arezzo: 186km. 2210hm.

in unserer unterkunft in pisa schwitzen wir uns nachts zu tode – keiner von uns beiden hat den unscheinbaren kasten entdeckt, der eine klimaanlage darzustellen scheint. nach einem klassischen frühstück bestehend aus cappuccino und dolce machen wir uns früh um 7 uhr auf den weg, um möglichst lange der starken hitze entgehen zu können.

das typische landschaftsbild der toskana

auf teils steilen straßen wandern wir hinauf nach volterra, wo wir eine kurze besichtigungsrunde einlegen.

in colle di val d`elsa stärken wir uns mit einem teller frisch gemachter pasta und löschen mit einem birra moretti unseren durst. wenig später erreichen wir siena, die als eine der schönsten städte der toskana und italiens gilt.

durch diese „helle“ gasse muss er kommen…
palazzo pubblico
piazza del campo

die temperaturen steigen auf 36 grad und das gehirn schaltet auf autopilot. hügelauf hügelab mäandern wir durch die toskana und nutzen jede erdenkliche trinkwasserquelle.

auf den pfaden der altehrwürdigen „l`eroica“ gondeln wir weiter nach arezzo, das wir gegen 18 uhr erreichen.


auch unsere räder wollen sich ein wenig erholen.

abends schauen wir uns gemeinsam mit den stolzen italienischen fußballfans das finale der europameisterschaft an. da italien 1:0 hinten liegt, halten wir es für klüger, frühzeitig ins bett zu gehen und uns der regeneration zu widmen.

leer gefegte straßen.
alles versammelt sich vorm bildschirm.

6. etappe (12. juli): von arezzo nach rimini: 177km. 2199hm.

um 7 uhr morgens starten wir los und müssen aufpassen, daß wir nicht in die zahllosen auf den straßen liegenden glasscherben hineinfahren. die italiener, die england im elfmeterschießen – gott sei dank! – gestern nacht besiegt hatten, haben bis aufs äußerste gefeiert. wir verlassen die ebene von arezzo und erkennen bald darauf, daß die heutige etappe ganz im zeichen von marco pantani steht, der nicht weit von hier in cesena geboren wurde.

noch einmal „dürfen“ wir den apennin durchqueren und gelangen über den passo della calla auf 1296m ü.d.m. einiges deutet darauf hin, daß der pass beim diesjährigen giro d`italia vertreten war.



während der anschließenden abfahrt halten wir mehrere male an, da wir uns am beruhigenden grün des apennins nicht satt sehen können.

in santa sofia pausieren wir in gesellschaft von marco pantani in einer trattoria bei nudeln und bier.

„il pirata“

in der unsäglichen nachmittagshitze nehmen wir den anstieg nach spinello in angriff, der es wirklich in sich hat. danach flacht der gebirgszug zunehmends ab und wir passieren cesena. unbeugsamer gegenwind hält uns davon ab, zügig unsere unterkunft in rimini zu erreichen, wo sich der kreis der heutigen etappe schließt. am 14. februar 2004 wurde marco pantani hier tot in einem hotelzimmer aufgefunden. dem autopsie-bericht zufolge starb „il pirata“ an einer überdosis kokain.

nach einem kurzen telefonat mit meiner tochter springen wir zum zweiten mal während dieser reise ins meer – nun ist es das adriatische.



7. etappe (13. juli): von rimini nach bologna: 155km. 1508hm.

nach einem letzten frühstück im straßencafé radeln wir um 7 uhr los und „es macht bumm“! von meereshöhe an klettern wir 640hm am stück hinauf nach san marino, die als die älteste bestehende republik der welt angesehen werden kann. ein sehr steiler anstieg, den wir im morgendlichen berufsverkehr erledigen.




danach geht es hügelig weiter. die strecke ist durchsetzt mit etlichen sehr steilen rampen, sodaß wir nach 50km bereits 1200hm gesammelt haben. auch die letzte etappe verlangt uns noch einmal alles ab. obwohl es bewölkt ist, haben wir mit temperaturen über 30 grad zu kämpfen. auf viel befahrenen straßen bewegen wir uns stetig durch die poebene. der himmel über uns färbt sich immer dunkler, was nur bedeuten kann, daß ein gewitter auf uns zurollt. 30 kilometer vor bologna erwischt es uns dann geballt. starkregen zwingt uns dazu, anzuhalten.

wir kommen pünktlich um 14.50 uhr – eine stunde vor zugabfahrt – in bologna an. hier hat tante ceccarelli also laut marco michael wanda amore gemacht…


wir besorgen noch eine flasche montepulciano als souvenir. dann geht die tortur los. der zug hat 40 minuten verspätung. in form einer salami-taktik werden daraus schließlich 2 stunden und 10 minuten.

wir steigen in den zug. außer zwei sandwiches haben wir noch nichts gegessen. wir sind ungeduscht, stecken teils noch in unseren fahrradklamotten. und das unheil setzt sich fort. kurz vor fortezza stehen wir noch einmal für weitere eineinhalb stunden an einem minibahnhof wegen eines angeblichen stromausfalls. die zugfahrt wird immer anstrengender. wir sind völlig übermüdet. zum glück haben wir wasser mit dabei. bordrestaurant – fehlanzeige! gegen 2.30 uhr erreichen wir endlich münchen mit vier (!) stunden verspätung. dieses „grande finale“ hätten wir nun wirklich nicht gebraucht. wir stellen uns am info-zentrum an, um wenigstens einen rabatt auf unsere tickets zu bekommen.

die deutsche bahn gewährt uns unterschlupf in einem bahnhofsnahen hotel. dort checken wir ein und versinken für eine stunde in komatösen schlaf. um 4.44 uhr nehmen wir den ersten zug zurück in richtung heimat. wir betreten den waggon wie zombies und halten uns mit letzter kraft an unseren sitzen fest. gegen 6.15 uhr erreichen wir völlig zerstört regensburg – den ausgangspunkt unserer so erlebnisreichen reise.

BELLA ITALIA!

1273km. 15659hm.

Ein Gedanke zu „bella italia – von garmisch-partenkirchen nach bologna

  1. Feine Tour.

    Als junger Kerl war ich da auch schon unterwegs auf ner Tour nach Rom (bis aufs Timmelsjoch) aber das sowas auch noch ueber 50 geht ist sehr inspirirend 😉

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