Wir sehen uns in Paris

Wie oft hab ich das die letzten Wochen gehört und selbst ausgesprochen? Fronleichnam. Ein verlängertes Wochenende voller Langstrecken. Hab mich letztlich gegen das Münchner 1000km Bayerisch-Böhmisches Biere-und-Bäder-Brevet und für das 686km West Ost Brevet entschieden. Wenn die Strecke statt einer Kreisform eine Linie wird, wird’s erst richtig interessant. 3500 Runden auf einer Radrennbahn haben nicht ganz den Charme einer Querung Österreichs von West nach Ost.

Am Vortag mit dem Zug nach Lindau, von dort mit dem Rad nach Bregenz. Herzlich Willkommen in Österreich. „Willst in den Urlaub fahren?“ (nach der Begutachtung meines Bikepackingequipments) und „Die Schuhe harmonieren nicht mit dem Radl“ (rote Converse und roter Rahmen). Ab jetzt gibt’s Schmäh.

Am nächsten Morgen um fünf geht’s los. Das kleine Starterfeld wird gleich zu Beginn, dank hügligen Profils, selektiert. Ich treffe auf die Wiener Horst, Fred und Daniel. Fred und Daniel zelebrieren den Ortstafelsprint. Darüber hab ich zwar gelesen, aber dass man das auf Langstreckenbrevets exerziert, war mir fremd. Horst ist einer der Initiatoren des „In Velo Veritas“, alle drei fahren gerne auf klassischen Rädern längere Fahrten nach Süd- und Osteuropa (wienberlin.wordpress.com). Sehr sympathische Herrschaften, die ich aber im Laufe des Tages durch Oberbayern aus den Augen verliere. Es geht weiter über den Alpsee zum Lech, rüber zum Staffelsee, über die Isar zum Tegernsee.

Der Ferdinand ist mit Haut und Haar Chefrandonneur vulgo Präsident

Dort treffe ich auf Helmut und Gerd, ein scheinbar ungleiches Paar, aber beide bestreiten das Brevet von Anfang bis zum Schluss gemeinsam. Mit Vollgas runter ins Inntal, am Chiemsee vorbei über die Salzach und schon sind wir in Österreich. Die Gewitterfront holt mich am Haunsberg fast ein, ich rette mich aber noch relativ trocken nach Obertrum zur Labe des ansässigen Triathlonvereins. Unmengen an Cola und heißer Pizza werden von mir verzehrt. Kurz nach mir kommt Richard an, ihn hat es dann schon etwas mehr durchweicht. Wir sitzen die Front aus und „haun uns zamm“, fahren gemeinsam weiter. Es wird flacher, bis um 22 Uhr gibt es an der nächsten Labe in Stadl-Paura Leberkässemmeln, entsprechend wird ordentlich Tempo gemacht. Gegen Mitternacht erreichen wir Haid, wir essen gemeinsam, ich dusche mich und lege mich in der Tennishalle schlafen. Richard fährt weiter durch die Nacht.

Um halb sechs werde ich wieder wach und erspähe einige weitere, ausgeruhte Randonneure. Fahre erneut mit den Wienern los, wir überqueren die Enns und später die Melk, überall die typischen großen Vierkanter, anschließend durch den Wienerwald. Mein Verlangen nach etwas Herzhaftem steigt von Stunde zu Stunde. In Rothenau ist es endlich soweit: Ein Wiener Schnitzel und Weißbier „mit Kraft“.

Durch den Wienerwald

Damit rollt es sich entspannt in die pannonische Tiefebene. Es ist nicht mehr weit, aber ohne die Hügel werden die letzten Kilometer zum zähen Kaugummi. Ein herzliches Willkommen allerseits in Enzos Bistro in Weiden am Neusiedler See. Weil ich ja „so brav war“ bekomme ich Wiener Schnitzel Nummer zwei und drei des Tages als Belohnung.

Helmut, Gerd, Velomobilist Christoph stehend statt sitzend

Tags drauf geht es heim, der Zug fährt um 9:01 nach Wien. Muss mit dem Kollegen Bernhard das Letzte geben, um diesen Zug zu erreichen, da wir ja zuvor tiefenentspannt und zeitvergessen gefrühstückt und keinen sonderlich guten Orientierungssinn haben. Ich schwitze bis Wien.
Austria, ich komme wieder.

Text und Bild: Hannes Klessinger

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