Three Peaks Bike Race – die Zweite

Obwohl ich das TPBR bereits im Vorjahr gefahren war, wusste ich im Vorfeld sehr genau, dass es diesmal ein komplett anderes Rennen werden würde. Lediglich das Schloss Schönbrunn in Wien wurde als Startlocation übernommen und die Rahmenbedingungen/Regularien sollten sich mit der 2020-er Edition decken. Im Konkreten bedeutet das keine Unterstützung von außen und freie Routenplanung zwischen den 3 vorgegebenen Gipfeln bzw. den insgesamt 4 vorgegebenen verpflichtenden Parcours-Abschnitten. Alles andere: einfach anders – insbesondere der Zielort Barcelona, und die 3 Peaks.

Aber auch etwas anderes war noch exakt gleich wie beim TPBR 2020: Meine Ambition, das Ziel so zügig wie möglich zu erreichen.

Ähnlich wie im Jahr 2020 war der Juli eigentlich bereits mit zwei Events besetzt, sodass ich eine Teilnahme am TPBR 2021 ursprünglich nicht ins Auge gefasst hatte. Dann ging es plötzlich ganz schnell und die Veranstaltungen haben sich in Luft aufgelöst, sodass der Juli unerwarteterweise wieder komplett leer war. Wie im Vorjahr landete ich unverzüglich auf der Homepage des TPBR. Die Anmeldephase war offiziell bereits geschlossen, jedoch sah ich, dass ein einzelner restlicher Startplatz offen war und habe sofort zugeschlagen. Das war exakt einen Monat vor dem Start, also einmal wieder viel zu kurzfristig für meinen Geschmack. Nicht was die körperliche und mentale Vorbereitung anbelangt, sondern vielmehr in Bezug auf das Organisatorische (Anreise, Rückreise, Unterkünfte, etc.) und vor allem die ausstehende Routenplanung. Ich begann damit sofort.

Hier das Vorhaben TPBR 2021 auf der Karte.

Letztlich gelang es mir die offenen Aufgaben rechtzeitig zu erledigen und eine Route zusammenzustellen, mit der ich durchaus zufrieden war. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, eine Woche mehr Zeit gehabt zu haben, um beispielsweise mögliche Versorgungsmöglichkeiten entlang der Strecke intensiver zu untersuchen. Bezüglich Anreise hatte ich mich entschieden auf die Deutsche Bahn zu setzen, obwohl ich damit 2020 gewaltig auf die Nase geflogen bin. Nachdem ich jedoch viel zu viel Zeit mit dem Kundenservice vertelefoniert habe, war alles letztlich in trockenen Tüchern. Auch der Rückflug aus Barcelona war bereits gebucht, samt Reservierung für den Rad-Transport. Ich war also ready to go.

Am Vortag des Starts reiste ich also mit dem Intercity Richtung Wien. Das klappte erfreulich problemlos, und zudem hatte ich einen unerwarteten Begleiter. Auf der Fahrt lernte ich Rainer (Cap 77) kennen, der als Berliner zum Zeitpunkt meines Zustiegs bereits eine halbe Ewigkeit im Zug saß. In seiner Gesellschaft verging für mich die Reise zum Startort wie im Flug. Vor Ort wurde zunächst der Check-In an der Unterkunft erledigt, gefolgt von der Abholung der Startunterlagen, insbesondere des GPS-Trackers. Abends gesellte ich mich zur „Berliner Runde“ auf eine Ladung Pasta. Das Abendessen mit Rainer und zwei seiner Kumpels Simon (Cap 144) und Philippe (Cap 64) war lecker und kurzweilig. Auch der Belgier Alain (Cap 92) gesellte sich zwischendurch zu uns. Es war erstaunlich zu hören, mit welchen unterschiedlichen Zielen und Erwartungen die unterschiedlichen Starter an ein solches Rennen herangehen. Das verdeutlichte mir einmal mehr, dass solche Veranstaltungen wie das TPBR nicht nur den Racern vorbehalten sind, und es auch nicht sein dürfen, denn die Community des Bikepacking Racing ist einfach zu vielfältig.

Bekannte Location, neues Arbeitsgerät. Einen Tag vor dem Start war es noch extrem windig und ungemütlich.

Die Nacht hätte erholsamer sein können. Ich war dennoch hoch motiviert, wenngleich der Start erst ab 12 Uhr mittags erfolgen sollte, und zwar in mehreren Gruppen, jeweils mit 15-minütigen Abständen dazwischen. Bis 12:30 Uhr musste ich mich noch gedulden, bis es endlich bei besten sommerlichen Wetterbedingungen für mich losging. Meine Route war auf den ersten 230 km deckungsgleich mit der aus 2020, wo ich Richtung Winklern unterwegs war, um den Großglockner von Süden her in Angriff zu nehmen. In den ersten Stunden hatte ich einige TPBR-Starter ein- und überholt, denn die Marschroute in Richtung Kranjska Gora in Slowenien war relativ klar. Dort befand sich der Beginn des ersten Parcours, der zunächst den Vršic Pass beinhaltete, gefolgt vom eigentlichen ersten Peak dem Mangart Sattel. Hier waren also zum ersten Mal Kletterkünste gefragt, aber auch schon zuvor, um von Villach nach Slowenien zu gelangen. Dieser Wurzenpass ist schon hochgradig eklig zu fahren, und aufgrund seiner Steilheit sicherlich nicht jedermanns Sache.

Just am Beginn des Parcours in Kranjska Gora, kurz nach 1 Uhr, bin ich erneut auf einen TPBR aufgefahren, der eben nach einer Rast losrollte. Es war der bis dato führenden junge Österreicher Jan (Cap 157), der im Gegensatz zu mir bereits um Punkt 12 Uhr gestartet war. Ich wartete kurz, wir fuhren gemeinsam in den Anstieg und hatten eine angenehme Unterhaltung. Am Berg war ich schneller als Jan, erreichte den Vršic Pass vor ihm, und hatte später am Mangart Sattel einen Vorsprung von 50 Minuten, unter Berücksichtigung der Startzeitdifferenz. Auf dem gesamten slowenischen Abschnitt begegnete ich vielleicht drei, sich bewegenden, Kraftfahrzeugen. Diese Ruhe war herrlich. Eines der Fahrzeuge gehörte, wie ich später merkte, dem TPBR-Fotografen. Ich sah ihn von weiter oben den Mangart Sattel mit dem Auto hochfahren, während ich gegen 5 Uhr morgens den Gipfel erreicht hatte, und mich bereits in die Abfahrt stürzte. Er kam mir hastig entgegen und äußerte als Erstes: „You’re too fast!“. Mein Anwort: „Obviously I’m not, because you managed to catch me.“ Wir lachten, er machte Fotos, und ich setzte die Abfahrt fort, wo ich Jan noch ein aufmunterndes „Hop, hop, hop!“ entgegenrief.

Peak 1 Mangart Sattel am frühen Morgen nach durchgefahrener Nacht
Foto von Jakub Kopecký @adventurehunterscz für @adventurebikeracing

Vom Peak 1 führte mich meine Route für einen kurzen Abstecher nach Italien, bevor es wieder zurück nach Österreich ging. Der nächste Tag war bereits angebrochen. Auf dem Weg von Lienz Richtung Sillian musste ich dann das erste Mal mit den Mitbringseln des Sturmtiefs über Europa Bekanntschaft machen. Erst war der Regen erträglich, später jedoch zermürbend, erst recht in Kombination mit der leichten Steigung in Richtung der Österreichisch-Italienischen Grenze, dem unnachgiebigen Gegenwind und der frischen Temperaturen. Das erste mentale Tief war somit erreicht. Erst ab Bruneck, wo ich meine Vorräte auffüllte, wurden die Bedingungen und meine Laune besser. Beides war vor Sterzing so gut, dass ich eine Reinigung samt Neuölung der eingesauten Antriebskomponenten vornahm. Es sollte nicht die letzte Aktion dieser Art bleiben. Am späten Nachmittag war Innsbruck erreicht. Von da aus ging es flott Richtung Westen. Der Untergrund war flach, der Wind spielte mit, und das Wetter war gut. Sogar ein weiterer Fotograf hatte sich am Straßenrand verschanzt, den ich spät aus dem Augenwinkel erkannte. Es war der Organisator himself, Michael Wacker. Gegen 22 Uhr erreichte ich den Arlbergpass. Die Kälte machte mir zu schaffen, und die minimalistische (bzw. geradezu spärliche) Ausrüstung gab nicht allzu viel Isolationsmaterial her. Nach der Abfahrt, in Bludenz angekommen, war ich selten so froh über eine geöffnete Tankstelle. Mein Schlafsack wurde zum Thermojacken-Ersatz, um den Torso gewickelt, und mit der Regenjacke darüber in Position gehalten. In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen, und so ließ ich mir zwei Leberkas-Semmeln zubereiten – die letzte muss Jahre her sein. Nach einer Weile traute ich mich wieder, einen Fuß vor die Tür zu setzen, mit dem Ziel die Schweiz vor der fälligen Schlafpause zu erreichen. In Gams fand ich einen Brunnen, um dem verschwitzten und verdreckten Körper etwas notdürftige Hygiene zukommen zu lassen, sowie einen netten Sportplatz, wo ich den ersten Stint nach 905 km beendete.

Kurz nach 5 Uhr begann ich die anstehende Schweiz-Durchquerung mit dem Anstieg zum Wildhaus – zum Aufwärmen sozusagen. Weitere nennenswerte topographische Hindernisse hatte ich auf dem Weg nach Meiringen nicht, bis auf den Brünigpass kurz davor. Auch das Wetter war noch sehr brauchbar. Dann sollte es aber ganz schön dicke kommen, denn der zweite Parcours stand bevor. Sein Beginn war bewusst sehr ungünstig platziert, und zwar oben am Grosse (ohne n) Scheidegg. Die Auffahrt dorthin ist schwer, lang, steil und kräftezehrend, während die Abfahrt nach Grindelwald auf dem schmalen, teils verschmutzten Sträßchen keinerlei Erholung zulässt. Zudem war ja auch noch der Männlichen, also der eigentliche Peak 2, zu erklimmen. Der Männlichen-Anstieg steht der Qual von eben in nichts nach. Die Motivation diesen zweiten Gipfel endlich zu erreichen, trieb mich jedoch immer weiter den zu erreichenden Koordinaten entgegen. Am Seilbahnhaus angekommen konnte ich schließlich einen ersten Blick auf die andere Bergseite werfen, und es war nicht das, was ich sehen wollte. Ein massives Gewitter rollte heran. Ich verschwendete keine Zeit, und nahm unmittelbar die Schotterpassage in Angriff, die weiter nach oben führte. Keine Menschenseele war hier oben anzutreffen, nur ich und das bedrohlich brüllende Gewitter. Die letzten 100 m waren mit dem Rennrad nicht befahrbar – der Schotter zu lose, und die Steigung zu heftig. Ich sprang vom Rad und schob es im Laufschritt nach oben, während es anfing zu regnen. Schnell wurde das Gipfelfoto geschossen, und die Jacke angelegt bevor ich unmittelbar den Rückzug antrat.

Peak 2 Männlichen, schnell weg hier, das Gewitter naht

Bis Grindelwald musste ich den gleichen Weg zurück nehmen, den ich zuvor hochfuhr. Der Regen wurde stärker, und machte die schmale, steile Abfahrt zu einer Dauerbrems-Tortur. Erneut war keinerlei Erholung möglich. Unten angekommen war es teilweise wieder trocken – immerhin, denn einige meiner Nachfolger haben es im Hinblick auf die Bedingungen in den Folgetagen tatsächlich noch schlimmer erwischt am Männlichen und drum herum. Ich setzte die Fahrt Richtung Frankreich fort. Dabei wurden die Wetterbedingungen zum Abend hin zunehmend schlechter. Erst nasse Straßen und leichter Niederschlag, und später ausgiebiger Regen. In der Abfahrt vom Col du Pillon in Richtung Aigle war es dann soweit. Kurz ließ der Regen nach, die Straßen waren sogar stellenweise trocken, und dann befand ich mich von einem Moment auf den anderen mitten im Unwetter. Ich fuhr in eine Wasserwand, die Sicht war Null, der Lärm des permanenten Donners war angsteinflößend, und ich versuchte mich samt Rad an die gemauerte Wand an der rechten Straßenseite zu lehnen, um etwas Schutz vor den Böen zu haben. Reglos stand ich da, mit nach vorne gelehntem Oberkörper, um die Elektronik am Rad, und das Handy in der Oberrohrtasche zu schützen, während um mich herum die Welt unterzugehen schien. Die Minuten vergingen, und mein Körper kühlte aus. Ich begann zu zittern, und wusste, dass ich sofort eine Unterkunft benötigen würde. Sobald sich die Sicht besserte, rollte ich mit höchster Vorsicht vorbei an Geröll, abgebrochenen Bäumen, und durch Flüsse auf der Fahrbahn bis nach Le Sepey. Im Hotel, welches ich fand, war alles dunkel, aber glücklicherweise wurde auf meinen Anruf reagiert. Zitternd betrat ich das Zimmer, genehmigte mir eine ausgiebige heiße Dusche, versuchte die Klamotten möglichst gut zu trocknen, und packte mich dick in die Bettdecke ein. Das einzig Positive zu dem Zeitpunkt war, dass ich am Peak 2 zwischenzeitlich einen erheblichen Vorsprung gegenüber den beiden nächsten Verfolgern hatte. Der Spanier Carlos (Cap 52), und Jan (Cap 157) den ich in Slowenien getroffen hatte, lagen 6 Stunden zurück. Beim Blick auf die Wetterprognose für den kommenden Tag war ich aber wiederum nicht sonderlich erfreut. Permanenter Regen auf meiner vorgesehenen Route wurde angezeigt. So recht konnte bzw. wollte ich dem nicht glauben, und versuchte mit der Hoffnung auf Sonnenstrahlen in Südfrankreich ein paar Stunden zu ruhen.

Der Wecker ging um 4 Uhr, jedoch dauerte es fast bis 5 Uhr, bis ich fahrbereit war, und mich dazu durchringen konnte einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dank des kräftigen Regens war ich innerhalb weniger Minuten durchnässt. Mal wieder. So sollte es auch für 11 oder 12 Stunden bleiben. Wie ich ein solches Wetter hasse. Am späten Nachmittag bzw. frühen Abend trockneten die Straßen und meine Bekleidung allmählich, bevor es später wieder ungemütlicher und regnerischer wurde. Einem Gewitter und einem erneuten Auskühlen wie am Abend zuvor wollte ich um jeden Preis entgehen, und war schon auf der Suche nach einer Unterkunft inkl. Wenden und 2 km zurücksetzen. Nördlich von Nimes, mitten im Nirgendwo, war aber nichts aufzutreiben, und ich fuhr weiter bis Quissac. Dort fand ich einen überdachten Durchgang, in dem ich mich für ein Paar Stündchen niederließ. Sonderlich bequem und angenehm war diese Schlafmöglichkeit nicht, aber zumindest war ich etwas vor der Feuchtigkeit und Kälte geschützt. Selbst die Gestalt, die dort nachts hindurchspazierte, störte nicht, und fühlte sich ihrerseits nicht von mir gestört.

Am nächsten Morgen waren die Temperaturen noch recht frisch und die Straßen noch immer nass, aber zumindest kam kein zusätzlicher Niederschlag von oben nach. Im Verlauf des Tages waren die Wetterbedingungen letztlich ganz passabel. Die Fahrt nach Béziers war weitestgehend ereignislos, und wurde durch einen Zwischenstopp an einer Boulangerie buchstäblich versüßt. Ab da verlief meine Route durchgehend Richtung Westen, natürlich ausgerechnet in die Richtung, aus der mir ein ständiger kräftiger und böiger Wind entgegenblies. Kurz vor Carcassonne kam mir in den Sinn, dass heute der französischer Nationalfeiertag sein müsste. Genau so war es auch und zudem war ich auf dem Weg in ein Gebiet mit sehr eingeschränkter Versorgungslage. Voller Sorge machte ich gegen 15 Uhr in Carcassonne einen Großeinkauf, um später nicht auf dem Trockenen sitzen zu bleiben. Der Gegenwind ließ nicht nach. Der restliche Nachmittag und Abend wurden tatsächlich zur größten mentalen Hürde während des diesjährigen TPBR. Dieses Stundenlange kriechen Richtung Westen mit vollbepacktem Daypack auf dem Rücken setzten mir gewaltig zu. Im Hinterkopf hatte ich stets den Willen, vor der Schlafpause möglichst nahe an den dritten Parcours heranzukommen. Irgendwann am späten Abend musste ich mir dann jedoch eingestehen, dass es keinen Sinn macht, so vor mich herzuschleichen. Ich war nicht mehr in der Lage Druck auf das Pedal zu bringen, während Essen und Wasser beinahe aufgebraucht waren. Das Einzige, was blieb, war, durch Schlaf Kräfte zu gewinnen. Am Fußballplatz von Franquevielle hielt ich an. Eine Toilette war offen. Sie bot Platz für mich und das Rad, hatte elektrische Beleuchtung, und fließendes Wasser. Besser als nichts. Ich ließ mich dort nieder. Sonderlich angenehm oder bequem war es auch dort nicht, aber immerhin war ich am nächsten Morgen wieder in der Lage etwas Rad zu fahren, nachdem ich den Wecker großzügig auf 6 gestellt hatte.

Der Tag begann trüb, neblig und kühl. Es war der Tag der 18-ten Etappe der diesjährigen Tour de France, die für das Peloton auch die Überfahrt des Col du Tourmalet beinhalten sollte. Ausgerechnet der Pyrenäenpass, in dessen Richtung auch ich unterwegs war, denn es war auch der Peak 3 des TPBR. Der zugehörige Parcours durfte von West nach Ost, oder umgekehrt befahren werden. Ich entschied mich bereits im Vorfeld für die West-Ost-Variante, also erst Col du Tourmalet und dann Col d’Aspin. In der Anfahrt an den Fuß des Anstiegs, etwa ab Lourdes, war die Straße zunehmend mit Unmengen an (Renn-) Radfahrern gefüllt. Sie strömten in Richtung Tourmalet, bzw. in Richtung Luz Ardiden, dem Ziel der Tour de France Etappe. Etwas nach 10:30 Uhr machte ich endlich meinen heiß ersehnten Einkauf in Luz-Saint-Sauveur, dem Beginn des Parcours. Seit dem letzten Einkauf in Carcassone waren beinahe 20 Stunden vergangen, dennoch hatte ich mich bewusst zurückgehalten, um nicht unnötigen Ballast über den Parcours schleppen zu müssen. Mein Plan war, in Arreau am Ende des Parcours erneut die Vorräte aufzufüllen, sodass ich nur das Nötigste mitnahm für die zwei anstehenden Pyrenäenpässe. Ich begann die Auffahrt zum Peak 3 und war nun in entgegengesetzter Richtung auf der Tour de France Route unterwegs. Der menschenüberfüllte Gipfel wurde gegen 13 Uhr erreicht, also war ich gut in der Zeit, denn es stand lediglich eine 18 km lange Abfahrt nach Sainte-Marie de Campan bevor.

Peak 3 Col du Tourmalet. Viel Trubel hier oben.

Ich zog die Jacke als Kälteschutz über, kämpfte mich einige Meter durch die Menschenmenge und begann die Abfahrt mit gedrosseltem Tempo. Da oben war einfach zu viel los – Fußgänger kreuz und quer über die Straße gehend, plus Rennradfahrer vorwiegend Richtung Gipfel fahrend. Auf den ersten Metern war es mir schon klar, dass es nicht möglich sein wird, das Rad laufen zu lassen, und die Abfahrt zu genießen, aber es kam noch schlimmer. In der ersten links herum führenden Serpentine kamen mir Rennradfahrer entgegen. Einer von ihnen fuhr sehr weit in der Straßenmitte, machte dann auch noch einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn, also meine Spur. Ich war bereits in der Schräglage, und es gelang mir nicht ausreichend herunterzubremsen, oder auszuweichen. Boom! Wir knallten aneinander, und lagen beide auf der Fahrbahn. Nach einem Moment hatten wir uns aufgerichtet und ich schimpfte in mehreren Sprachen los. Wahrscheinlich war es ein Franzose und verstand ohnehin nichts. Schließlich inspizierte ich das Rad und mich selbst (natürlich in dieser Reihenfolge). Das Rad war funktionstüchtig. Ich war mit ein paar Abschürfungen am linken Ellenbogen und Knie verziert, aber ebenso funktionstüchtig. Was mir jedoch sehr zusetzte, war, dass die nicht gerade billige Jacke beschädigt war. Sie war definitiv der wichtigste Ausrüstungsgegenstand an den vorangegangenen Tagen und nun nach diesem Vorfall an mehreren Stellen zerrissen. Ich wollte nur runter von diesem Berg, weg vom TdF-Zirkus. Die folgenden Abfahrtskilometer erforderten eine erhöhte Konzentration und zwar nicht wegen des technischen Anspruchs, sondern wegen der potenziell unaufmerksamen Passanten.

Bis ganz nach unten kam ich leider nicht, und wurde gerade einmal 4,6 abfallende km vor Sainte-Marie de Campan von der Gendarmerie herausgewunken. Ab da gab es kein durchkommen mehr, denn das Peloton, bzw. der TdF-Konvoi war im Anmarsch. An der Stelle, wo ich zu stehen kam, hätte es die Möglichkeit gegeben, auf eine Parallelstraße zu wechseln. Diese Option kam für mich jedoch nicht in Frage, denn es hätte bedeutet, dass ich den verpflichtenden Parcours verlassen habe. Somit hätte mir der Organisator vermutlich eine Zeitstrafe aufgebrummt. Die hatte ich bei der letztjährigen Austragung bereits erhalten und wollte das diesmal definitiv vermeiden. Ich halte mich an die Spielregeln und will nicht, dass in der Finisher-Liste ein Sternchen neben meinem Namen steht, welches auf eine Zeitstrafe verweist. Somit war ich zum Warten verdammt, was ich gedanklich nicht wirklich akzeptieren konnte. Ich war zu dem Zeitpunkt tagelang im Rennmodus, mit dem Ziel, Barcelona so zügig wie möglich zu erreichen und jetzt werde ich gezwungen, still zu stehen. Das hatte ich in diesem Moment nicht ganz kapiert. Elend lange Minuten vergingen. Irgendwann durfte ich den Berg fahrradschiebend zu Fuß runtergehen. Ganze 600 m weit war ich gekommen, bis ich auf eine Gendarmin traf, die es offenbar genoss, dass sie an dem Tag richtig was zu sagen hat. Sie gestattete mir das Weitergehen nicht, und schickte mich auf die andere Straßenseite, wo sich eine oder zwei Schulklassen positioniert hatten. Die hatten dort ihren Spaß. Jedes Mal, wenn ein Fahrzeug der TdF-Kolonne vorbeikam, gab es eine erneute Eskalation und noch mehr Geschrei, noch mehr Lärm. Trotz Stillstand konnte ich daher nicht einmal ruhen und legte mich abseits verzweifelt und machtlos auf den Asphalt. Die Zwangspause(n) war(en) nicht einkalkuliert, und mein Wasser- und Essensvorrat ziemlich aufgebraucht. Zwischen mir und der nächsten Verpflegungsmöglichkeit stand immer noch der Col d’Aspin. Meine mentales Tief wurde minütlich tiefer und tiefer. Irgendwann war die Werbekolonne vorbeigezogen, und eine Radfahrerin schickte sich an, bergabwärts zu gehen. Ich schloss mich an, aber die Gendarmin hatte etwas dagegen. Ich sah sie erneut verständnislos an, bis jemand für mich übersetzte. Sie verlangte, dass ich andere Schuhe anziehe. Meine Verständnislosigkeit stieg. Wie lustig, als ob ich ein Paar anderer Schuhe mitführen würde! Nach etwas hin und her setzte ich die Wanderung in Rennradschuhen fort. Anschließend folge ein weiterer Zwangsstopp, gerade einmal 1 km von der erlösenden Abzweigung. Jetzt war das TdF-Peloton im Anflug. Ich ließ sie vorbeiziehen und klatschte dabei desinteressiert in die Hände. Für mich war es das erste Mal in unmittelbarer Tour de France Nähe, und das TdF-Fieber ist offensichtlich in keinster Weise auf mich übergesprungen. Ganz im Gegenteil, mir fehlt sogar noch mehr das Verständnis für den modernen Radsport. Sind tatsächlich hunderte Autos, hunderte Motorräder, mehrere Hubschrauber und ein Flugzeug notwendig, um ein Radrennen zu veranstalten? Meiner Meinung nach nein.

Mein Zeitverlust betrug etwa 2 Stunden und tat objektiv betrachtet nicht übermäßig weh, da mein Vorsprung auf die Konkurrenten sehr komfortabel war. Auf dem Weg Richtung spanische Grenze hatte ich noch einige nennenswerte Anstiege vor mir. Der bereits erwähnte Col d’Aspin, Col de Peyresourde und Col de Portillon waren zu bewältigen. Dank steigender Laune war das alles noch bei Tageslicht machbar. Ich freute mich darauf, endlich spanischen Boden zu erreichen. In Vielha hatte ich mich noch einmal mit Vorräten eingedeckt vor der anbrechenden Nacht. Anschließend folgte die 5 km lange, ansteigende Durchfahrt des Túnel de Vielha. Das war eine interessante Erfahrung und durchaus erträglich, da ich dort zur späten Uhrzeit unterwegs war. Bis nach 2 Uhr fuhr ich durch die Pyrenäenausläufer. Als ich La Pobla de Sugur erreichte, war es Zeit für eine letzte Schlafpause vor dem letzten Abschnitt zur Ziellinie.

Vor 6 Uhr saß ich erneut im Sattel und es ging nochmals auf eine Höhe von 1101 m, den Coll de Comiols. Schon am Morgen war es abzusehen, dass zur Abwechslung die Hitze eine zusätzliche Herausforderung darstellen wird. So war es dann auch. Spätestens als ich gegen 13 Uhr den Beginn des 88 km langen Finish-Parcours am Montserrat erreichte war es sehr warm. Dennoch war das Finale landschaftlich überragend. Aufgrund der Anstiege auf den Collada de L’Obac und den Tibidabo waren die letzten Kilometer sicherlich nicht einfach zu fahren, boten mir aber die Gelegenheit, die Erlebnisse der vergangenen Tage noch einmal Revue passieren zu lassen, bevor es ins Ziel am Arc de Triomf ging. Der riesige Bogen ließ sich auf der letzten Geraden schon von weitem sehen. Meine Zufriedenheit und Stolz auf das Erreichte steigerten sich mit jedem Meter, den ich näher kam, begleitet von einem unkontrollierten Grinsen. Was für ein überwältigendes Gefühl! Noch einmal musste ich an einer Ampel halten und erkannte weiter vorne unerwarteterweise ein bekanntes Gesicht. Es war mein Arbeitskollege Knobi, der für einen Kurzurlaub in Barcelona war. Perfektes Timing! Ich fand es klasse, dass er vor Ort war und die Zieleinfahrt gefilmt hatte. Nach kurzer Begrüßung fehlten noch wenige Meter zum Arc de Triomf, wo der Organisator Michael Wacker in bewährter Weise zum Finisher-Empfang bereit stand (diesmal samt Freundin). Jetzt war es nach 149 Stunden und 9 Minuten geschafft! Zeit für ein Finisher-Bier und nette Gespräche.

Finish am Arc de Triomf, Zeit zum Genießen, Entspannen und Regenerieren

Ich kann zweifellos behaupten, dass der Sieg beim Three Peaks Bike Race 2021 mein größter sportlicher Erfolg war. Teilnahmen an weiteren Bikepacking Rennen werden folgen, da bin ich mir sicher. Auch wenn es für manche unverständlich scheint, ich habe durchaus Spaß daran. Zumindest überwiegend. 🙂

Gute 3 Tage hatte ich noch in Barcelona vor dem Rückflug und habe es mir nicht nehmen lassen, die folgenden Finisher mit Michael im Ziel zu empfangen. Sogar Jan (Cap 157) kam nach Barcelona, obwohl er bereits Tage zuvor in Montpellier gezwungen war, das Rennen aufzugeben. Das halte ich für eine große Geste. Alle, die das Ziel erreichen, haben Anerkennung verdient, insbesondere die Anerkennung ihrer Mitstreiter, denn die wissen genau, welcher Mühe es bedarf, um solche Herausforderungen zu bewältigen.

fotos & text: adam bialek; foto nr. 3: Jakub Kopecký @adventurehunterscz für @adventurebikeracing

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