Three Peaks Bike Race 2020

Three Peaks Bike Race 2020 = TPBR 2020

Start in Wien, Ziel in Nizza und unterwegs 3 Gipfel anfahren, ohne Unterstützung von außen. Einfach niederzuschreiben, aber alles andere als einfach in der Ausführung.

Bericht eines Rookies mit Ambitionen

Das Jahr 2020 war eigentlich schon lange vorverplant was Radsportveranstaltungen angeht. Bedingt durch die Pandemie fiel jedoch nach und nach alles aus, wofür ich (vor)angemeldet war. Erfreulicherweise wurde die Anmeldung für das diesjährige Three Peaks Bike Race, kurz TPBR, wiedereröffnet. Gut, dass ich für den Newsletter registriert war, da ich mir das Event bereits im Spätsommer/Herbst 2019 angesehen hatte. Kurzerhand wurde der 1-wöchige Urlaub in die Rennwoche verschoben und die eigentliche Anmeldung erledigt.

Das TPBR war somit das Erste und Einzige offizielle Event des Jahres. Es sollte mein erstes Rennen werden welches in Richtung Bikepacking geht und die Komponente der eigenständigen Routenplanung enthält – alles natürlich self-supported. Ich bin ja mittlerweile nicht unerfahren darin, lange Distanzen mit dem Rennrad zurückzulegen. Vor einigen Jahren waren es 1-wöchige Rennrad-Ausfahrten mit dem Rucksack in verschiedene Ecken Europas, und zuletzt hauptsächlich Brevets.

2018: Alpi 4000
2019: D+ Ultracycling Dolomitica sowie Paris-Brest-Paris

Am TPBR war aber dennoch Einiges neu. Nicht zuletzt die 3 zu befahrenden Gipfel, aber auch Streckenteile und Regionen, die ich bis dato gar nicht, oder schon lange nicht mehr befahren hatte. Alleine das hatte einen gewissen Reiz. Zudem wollte ich tatsächlich mal bei einer Veranstaltung dieser Kategorie auf Resultat fahren.

Da war ich also, von meiner Anmeldung bis zum Start waren es weniger als 7 Wochen. Eine sehr kurze Zeit, wenn man sich vor Augen hält was alles erledigt werden musste. Natürlich ist die Ausrüstung zusammenzustellen, das Rad (sicherheits-)technisch vorzubereiten, und vor allem auch die Route zu planen. Gerade der letzte Punkt kann beliebig lange in Anspruch nehmen, falls man Ambitionen hat. Ansonsten denke ich: Wenn man eine Veranstaltung wie das TPBR nur finishen möchte, genügen im Grunde vermutlich nur wenige Klicks, um eine Route zusammenzustellen, die einen zu den Checkpoints und ans Ziel führt.
Ich hatte mich dafür entschieden viel Aufwand bei der Routenplanung zu betreiben und hatte am Start 2 fertige Varianten parat, die das Überfahren des Großglockners von Nord nach Süd, bzw. umgekehrt beinhalteten. Tatsächlich war ich sehr lange unentschlossen, für welche ich mich letztlich entscheiden würde. Wohlwissend, dass die schnellen Fahrer mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit von Nord nach Süd fahren würden, war das für mich ein untergeordnetes Kriterium. Es gab auch diverse andere Kriterien. Beide Streckenvarianten hatten ihre Vor- und Nachteile.

Die Anfahrt nach Wien, am Vorabend des Starts, sollte mit dem Zug erfolgen, erwies sich jedoch als sehr holprig. In Plattling war der Umstieg in den ICE geplant, der nicht klappte. Es war Freitagabend und so hangelte ich mich mit Regionalzügen über Passau nach Wels. Die reservierte Hotelübernachtung in Wien war hinfällig und zu dem Zeitpunkt nicht mehr stornierbar. Sehr ärgerlich, aber ich war dennoch froh eine Übernachtungsmöglichkeit in Wels, und das Zugticket nach Wien für den Samstagvormittag organisiert bekommen zu haben. Während der Zugfahrt nach Wien stieg ein Rennradkollege zu. Erst später sah ich sein bepacktes Rad und wusste, dass auch er zur Ausgabe der Startunterlagen unterwegs war. Es war Alex aus Österreich, Cap Nr. 3, der bereits das TPBR 2019 gefinished hatte. Ein netter Zeitgenosse – die Fahrt nach Wien verging wie im Flug.

Alex führte uns beide zielgenau zur Ausgabe-Location des GPS-Trackers. Die Abholung war schnell erledigt, das Gerät sicher an der Satteltasche montiert, und es blieb reichlich Zeit für ein Last-Minute-Carboloading in Wien, da der Start erst um 16 Uhr erfolgen sollte. In meinem Fall exakt 16:09 Uhr, da ich der 4-ten Startgruppe zugeordnet war, wie Alex auch.

Abschnitt 1 – Start in Wien bis Pettneu

Nun ging es endlich los. Offensichtlich entschied ich mich, entgegen der Mehrheit, südlich aus Wien herauszufahren, und den Großglockner von Süden her in Angriff zu nehmen. Das Wetter war gut, und ich kam gut voran. Bis ich aus dem weitläufigen Stadtgebiet draußen war betrug die Standzeit lediglich wenige Minuten. Im Vorfeld hatte ich tatsächlich Bedenken wie gut oder schlecht ich herauskommen würde. In der ersten Stunde begegnete ich einer Hand voll TPBR-Fahrer, dann kam lange keiner mehr. Erst kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit hatte ich Cap Nr. 13 eingeholt, Christian Englert, der wie sich herausstellte ebenfalls im Süd-Westen Deutschlands lebt. Wir fuhren nebeneinander in die Nacht hinein. An einer Kreuzung in Loeben trennten sich unsere Wege. Just als ich links abgebogen war, gesellte sich ein Rennradfahrer mit Beleuchtung und reflektierender Weste zu mir. Im ersten Moment dachte ich noch es wäre ein weiterer TPBR-Fahrer. Mangels Packtaschen am Rad war es schnell klar, dass dies nicht der Fall ist. Es war Andreas, ein mir unbekannter Dotwatcher aus Loeben. Er hatte das Rennen verfolgt, gesehen dass ein paar Fahrer hier vorbeikommen würden und positionierte sich zur mentalen Unterstützung nachts am Streckenrand. Toll! Auch wenn mir bewusst ist, dass nicht jede(r) Einzelne diese Art von Unterstützung erhalten würde. Es ist vermutlich eher ein Privileg, welches denen vorbehalten bleibt, die an vorderster Stelle fahren (zu dem Zeitpunkt war ich Erster der Gruppe, die sich entschieden hatte, den Großglockner von Süden nach Norden zu fahren). Andreas hatte sich zunächst bei mir versichert, ob es gemäß Regularien in Ordnung sei, wenn er neben mir herfährt. Ja, das ist es, sofern er keinen Windschatten spendet. Also begleitete er mich durch den Heimatort von keinem geringeren als Christoph Strasser bis kurz vor Knittelfeld. Es war ein unerwartetes und nettes Treffen. Ich fand es Klasse von ihm.
Als er wieder umgedreht hatte, wusste ich, dass jetzt der erste zähe Part beginnen würde – durch die Nacht an den Fuß des Großglockners. Es war grässlich kalt, ich blieb jedoch in Bewegung. Zwischen 5 und 6 Uhr morgens kam die Müdigkeit sehr rasch und heftig. Eine Schlafpause kam für mich zu dem Zeitpunkt nicht in Frage. Das Rennen war noch keine 24 Stunden im Gange. Kurz nach Winklern kam mir bereits der Erste der Nord-Süd-Truppe entgegen. Es war Cap Nr. 81 Ulrich Bartholmös, der bereits auf der Abfahrt vom Checkpoint 1, dem Großglockner, war. Einige Minuten später folgten weitere Fahrer. Zunächst Cap Nr. 96 Björn Lenhard, und dann Cap Nr. 94 Sofiane Sehili. Weiter oben nahm die Anzahl der TPBR-Teilnehmer mit gepackten Rädern weiter zu. Das hatte ich erwartet. Mir war klar, dass ich aufgrund der gewählten längeren Anfahrt mit Sicherheit nicht als einer der Ersten am CP1 ankommen würde. Für mich fühlte sich die Auffahrt selbst viel zäher als gehofft an. Die Nachtfahrt hatte geschlaucht und die Leichtfüßigkeit oder gar Spritzigkeit war nicht vorhanden. Getrübt wurde meine Laune durch einzelne Tropfen von oben kurz vor der Edelweißspitze. In der Regel verheißt das nichts Gutes oberhalb von 2500 m. Daher habe ich zugesehen rasch das obligatorische Foto zu schießen und mich unverzüglich in die Abfahrt zu stürzen. Oben war es noch weitestgehend trocken, in der zweiten Abfahrtshälfte jedoch zunehmend hässlich. Der Regen begleitete mich eine Weile. Irgendwo bei St. Johann hatte es aufgehört und die Straßen begannen abzutrocknen. Als ich schon dachte, das Schlechtwetter sei überstanden, bekam ich vor Innsbruck noch einmal einen heftigen Regenschauer ab der mich komplett durchnässte. Aber egal, ich war entschlossen die Gunst der Stunde, also den Rückenwind im Inntal, zu nutzen. Ich begann den Aufstieg auf den Arlberg, während die Nacht einsetzte. Angesichts der aufziehenden dunklen Wolken und der Tatsache, dass ich demnächst definitiv eine Schlafpause einlegen würde, traf ich die Entscheidung nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Pettneu zu suchen. Es war bereits nach 21 Uhr an einem Sonntag, aber an der zweiten Pension hatte ich Glück und einen Schlafplatz ergattert.

728 km, 7965 hm

Abschnitt 2 – Pettneu bis Vallorcine

Vor 5 Uhr saß ich wieder auf dem Rad. Die nächtliche Auszeit in Pettneu sollte die längste gewesen sein, bis zum Ziel in Nizza. Zunächst standen die restlichen Höhenmeter zum Arlberg auf dem Programm, gefolgt von der Abfahrt und dem anschließenden Flachstück Richtung Chur, welches ich einigermaßen gut kenne. Leider kam es so wie es kommen musste und im Rheintal – durch Liechtenstein hindurch – begann der Gegenwind massiv zu stören. Das hatte ich erwartet, und gleichzeitig gehofft, dass ich verschont bleiben würde. Zudem stiegen die Temperaturen in Bereiche, in denen man sich als Radfahrer in der Auffahrt zum Oberalp- oder Furkapass tendenziell eher unwohl fühlt. Ich kam ganz passabel über die beiden Berge, fest entschlossen an diesem Tag den CP2 am Col du Sanetsch zu erreichen. In der Schweiz liefen die unterschiedlichen Routen der einzelnen Fahrer zusammen, sodass die Rangfolge allmählich Formen annahm. Ich war hier zunächst Fünfter. Bis nach Sion begleiteten mich Hitze und der unaufhörliche Gegenwind. Die Fahrt war zäh und kräfteraubend. Nach einer abendlichen Verpflegungspause in Sion war mein Wille ungebrochen, den CP2 anzugehen. Ich legte die Satteltasche und einige Vorräte am Fuße des Anstiegs ab. Alles nur unnötiger Ballast. An der Stelle würde ich ja ein paar Stündchen später nochmals vorbeikommen, um die Sachen wieder aufzusammeln. Der Col du Sanetsch ist nicht unbedingt der bekannteste Anstieg der Schweiz, lässt sich aber recht gut fahren. Ich würde ihn nicht zwangsläufig als hart bezeichnen, aber er ist sicherlich eines – sehr lang. Insbesondere am Ende eines Tages der früh morgens begann und bereits einige Höhenmeter und die zuvor beschriebene Hitze plus Wind beinhaltete fühlte es sich an, als ob der Berg nie enden wollen würde. Irgendwann, als es bereits dunkel war und der Weg zum Gipfel nicht mehr weit, erblickte ich ein rotes Lichtlein in der Ferne. Nanu, ich war nicht der einzige der sich zu dieser Uhrzeit noch da hoch schleppt. Nach einigen Minuten hatte ich Théo Daniel Cap Nr. 93 eingeholt. Wir quatschten ein wenig, unsere Tempi waren jedoch inkompatibel. Ich zog alleine weiter, und war nun auf Platz 4. An CP2 machte sich ein Pärchen im Campingbus bereit für die Nacht. Sie waren zu Recht erstaunt, was ein Radfahrer dort nach 22 Uhr treibt. Ich hatte es ihnen kurz erklärt, sie gebeten ein Foto von mir zu schießen, und machte mich sogleich auf den Rückweg nach Sion. Neben Théo begegnete ich zwei weiteren Fahrern in der Auffahrt. Es müssten Stephane Ouaja Cap Nr. 86 und Daniel Nash Cap Nr. 87 gewesen sein. Ich weiß nicht in welcher Reihenfolge. Es war stockdunkel und ich hatte ihnen lediglich einen Gruß zugerufen. Als ich in Sion mein Gepäck wieder aufgenommen hatte blieb noch eine Aufgabe offen – ab nach Frankreich, um dort etwas zu schlafen.
Den bevorstehenden Col de la Forclaz kannte ich von der Tour du Mont Blanc, wo er von der französischen Seite her befahrenen wird. Der Track führte mich aber nicht zu dem Kreisverkehr, der mir als Anstiegsbeginn bekannt war, sondern in irgendwelche schmalen Sträßchen. Ich hielt mich an den vorausgeplanten Track, denn das war eine der Prämissen, die ich mir vor dem Start gesetzt hatte. Ein spontanes Abweichen von der mühsam recherchierten Route bringt eher Probleme, als Nutzen. An dieser Stelle hätte ich aber auf meine Ortskenntnis setzen sollen, denn diese Sträßchen waren sowas von verdammt steil, dass ich bald fluchend durch die Siedlung nach oben kraxelte. An einer Stelle war ich dann der Verzweiflung nahe. Die Straße war nicht vorhanden. Ich durchsuchte den Bereich mit der Taschenlampe. Hatte ich eine Abzweigung verpasst? Nein habe ich nicht. Da ist so eine Art Forstweg, unglaublich steil und unwegsam. Der Pfad war definitiv nicht befahrbar und eigentlich auch nicht in Rennradschuhen begehbar. Ich entschied mich zu schieben. Mit jedem Schritt fluchte ich mehr. Ich hätte mir in den Allerwertesten beißen können, warum ich in Martigny nicht auf die mir bekannte Auffahrt zum Col de la Forclaz gewechselt hatte. Es war mein erster Fehler den ich beim TPBR begangen hatte. Im Nachhinein betrachtet aber ein untergeordneter. Ich schob dennoch weiter, bis ich wieder asphaltierten Untergrund vorgefunden hatte. Was für eine Erleichterung! Jetzt aber endlich ab nach Frankreich. Unmittelbar nach der Grenze packte ich gegen 3 Uhr in Vallorcine, direkt am dortigen Tourismusbüro meinen Schlafsack aus. Diese Schicht war beendet. Ich durchquerte die gesamte Schweiz in einem Zug.

464 km, 7271 hm

Abschnitt 3 – Vallorcine bis Malaucène

Kurz nach 6:30 Uhr saß ich erneut auf dem Rad. Der Plan stand fest. So weit, wie möglich Richtung CP3 am Mont Ventoux vordringen. Die Topographie der ersten Kilometer empfand ich als sehr kräftezehrend, obwohl sie es auf dem Papier nicht war. Kein gutes Zeichen. Zudem war es am frühen Vormittag bereits sehr warm. Meine einzige Hoffnung war, dass ich ab Albertville im Flachen den Tritt finden würde, um vernünftig Kilometer machen zu können. Tja, kaum wurde es flacher kam die Hitze samt Gegenwind. Mal wieder! Das hatte ich bereits am Vortag in der Schweiz. Das Flachstück Richtung Grenoble hatte viele Körner gekostet, und war nicht wirklich spaßig. Anschließend wurde es wieder bergiger. Der Tag war schon weit fortgeschritten, und so wirklich weit war ich bis dahin nicht gekommen. Dennoch kurbelte ich stoisch weiter, stets den Mont Ventoux vor dem inneren Auge. Gegen 1:00 Uhr bin ich dann schließlich am Beginn des Finisher-Parcours angekommen. Von da aus wären es (nur) noch ca. 500 hm bis zum kahlen Gipfel des Riesen der Provence, aber mir stand ein Verkehrsschild im Weg, umgeben von orange blinkenden Warnleuchten. Ich bin leider des Französischen nicht mächtig, jedoch enthielt sie neben der französischen Aufschrift auch die englische Übersetzung. „Access to summit of Mont Ventoux closed“ was für mich eindeutig klingt. An dieser Stelle war ich fest davon überzeugt, dass der Hinweis des Veranstalters greifen würde, der besagt, dass im Falle fehlender Erlaubnis den Mont Ventoux von Osten her zu befahren, nach Malaucène zu fahren ist, um den Aufstieg von dort aus zu machen. Ich begann die Abfahrt nach Bédoin, um die Fahrt von dort aus Richtung Malaucène fortzusetzen, und beging damit den zweiten Fehler beim TPBR. Dieser sollte sich als weitreichend herausstellen. Hätte ich vorher das Tracking gecheckt, hätte ich gesehen, dass die drei Fahrer vor mir regulär und direkt zum Mont Ventoux gefahren waren. Nach 2:00 Uhr war ich am Fußballplatz in Malaucène angekommen, wo ich mich schlafen legte.

412 km, 4412 hm

Abschnitt 4 – Malaucène bis Castellane

Am frühen Morgen begann ich den Aufstieg zum dritten Gipfel des TPBR, der von Malaucène aus nicht einfach ist. 1600 hm waren zu bewältigen anstatt der 500 hm, die vom access closed Schild aus nötig gewesen wären. Ich hatte also durch meinen Fehler einen massiven Umweg eingelegt, der mir viele unnötige Höhenmeter eingebracht hatte. Zudem war mein Vorsprung gegenüber Théo Daniel dahin. Ich war auf den fünften Platz zurückgefallen, ärgerte mich tierisch über meinen Fehler, und setzte die Fahrt über den Parcours fort. Bald wurde es wieder sehr heiß, was den ohnehin schweren Parcours noch anspruchsvoller machte. Als ich im Vorfeld dessen Profil gesehen hatte, war mir schon klar, dass er kein Selbstläufer sein würde. Nach mehr als 1600 km innerhalb der vergangenen paar Tage scheinen jedoch die Begriffe „schwer“ oder „anspruchsvoll“ ganz andere Dimensionen zu erreichen. In besonders negativer Erinnerung bleibt mir der Col de Perty, lausige 1302 m hoch. Üblicherweise neige ich nicht zum starken Schwitzen, aber an dessen Gipfel angekommen war ich tatsächlich wie mit einem Kübel übergossen. Ich den Folgetagen soll es in der Region noch heißer geworden sein, also darf ich nicht zu viel klagen. In Sisteron musste ich dringend die Vorräte wieder auffüllen. Gerade als ich wieder losfuhr zog ein heftiges Gewitter auf. Innerhalb weniger Meter war ich durchnässt. Zum Starkregen gesellte sich bald Hagel. Bei den Einschlägen auf dem Helm zuckte ich jedes Mal zusammen. Die Hagelkörner waren nicht gerade klein, und ich beschloss mich unterzustellen. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorüber, und ein paar Kilometer außerhalb der Ortschaft die Straßen trocken. Musste das wirklich sein? Die folgende Auffahrt von Pas de la Graille brachte mich zum ständigen Fluchen. Der Berg ist nicht steil oder schwer, wies aber dafür kilometerlang chaussee glissante auf. Alle paar Meter kam ein nerviger Rollsplitt-Abschnitt. Insbesondere in den Serpentinen war die Rollsplitt-Schicht zentimeterdick. Gerade da gehe ich gerne aus dem Sattel, und ärgerte mich daher des Öfteren, dass der Krafteinsatz mangels Traktion völlig verpufft. Zum Glück war die Abfahrt frei von Rollsplitt.
Gegen 22:00 Uhr habe ich schließlich im Örtchen Riez Théo Daniel eingeholt, mal wieder. Er stand am Straßenrand, wir unterhielten uns, und fuhren nebeneinander weiter für etwa 1,5 Stunden. Irgendwann musste Théo ein Geschäft verrichten. Zunächst hielt ich an hatte mich aber sogleich verabschiedet. Vom Rumstehen wird man nur unnötig müde. Ich zog es daher vor alleine weiter zu ziehen, und die Schleife an der Verdonschlucht in Angriff zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt war ich also wieder Vierter, und die Distanz zum Ziel nicht mehr so riesig. Ich wusste, dass mein Vorsprung nicht groß ist, und dass Théo versuchen würde in der letzten Nacht durchzuziehen, wie er es im Vorjahr beim TCR No.7 gemacht hatte. Die Story erzählte er mir, als wir miteinander fuhren. Er hatte sich dort einen tollen neunten Platz gesichert. Als es Richtung 3:00 Uhr ging wurde ich zunehmend müde. Die Augen fielen ständig zu, und ich machte den einen oder anderen Schlenker auf der einsamen dunklen Straße. Bis nach Nizza waren es etwa 120 km, aber es machte für mich keinen Sinn, um jeden Preis zu versuchen auf dem Rad zu bleiben, um die Vierte Position zu halten. Man könnte sagen, dass die Vernunft siegte. Es war mir wichtiger unbeschadet das Ziel zu erreichen. Zu gewinnen gibt es beim TPBR ohnehin nichts, und ich hatte ja die Gewissheit, dass ich auf dem Rad zweifelsohne stärker bin als Théo. Ich hatte ihn schließlich schon zwei Mal eingeholt. Dennoch habe ich mir keine überzogene Schlafpause gegönnt. Als ich mich bei Castellane hinlegte, stellte ich den Wecker auf überschaubare 54 Minuten.

353 km, 6661 hm

Abschnitt 5 – Castellane bis ins Ziel in Nizza

Kurz nach 4:30 Uhr saß ich wieder auf dem Rad, um die verbleibende Distanz zum Ziel zu absolvieren. Zunächst musste der Col de Saint Barnabé überwunden werden. Im dahinter liegenden Tal war es plötzlich empfindlich kalt. Eigentlich war ich innerlich eher auf die zu erwartende Hitze eingestellt, musste dann aber doch sämtliche zur Verfügung stehende Bekleidung anlegen, und mich noch eine Weile durch die Kälte kämpfen, bis irgendwann die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zwischen den umliegenden Gipfeln aufleuchteten. Kaum war die Sonne aufgegangen wurde es warm, wobei es nicht lange dauern sollte, dass es erneut etwas zu warm werden sollte. Die Beine waren schwer. Es war eine der Phasen, wo man dem Ziel nicht näher zu kommen scheint. Eine Phase in der es besonders auf die mentale Einstellung ankommt. Ich sehnte die Promenade in Nizza herbei. Die letzten Kilometer vor und in Nizza waren erwartungsgemäß nervig und zermürbend, aber gegen 11:00 Uhr war es schließlich so weit. Ich erreichte das Ziel des TPBR 2020 mit einer inoffiziellen Finisher-Zeit von 4 Tagen 18 Stunden, und 59 Minuten.

122 km, 1605 hm

Resümee

Das TPBR 2020 war für mich sportlich eine sehr gelungene Veranstaltung. Im Vorfeld gab ich die extra optimistische Prognose ab, dass es für mich möglich sein könnte unter 5 Tagen zu finishen. Das ist mir tatsächlich gelungen. Ich habe auf der Fahrt diverse Fehler begangen, habe aber sicherlich auch daraus gelernt.

Für eine Gesamtdistanz von 2079 km mit 27914 hm benötigte ich eine reine Fahrzeit von ca. 89,5 Stunden. Dabei betrug die Pausenzeit untertags insgesamt etwa 8,5 Stunden. Die nächtliche Ruhezeit, also die Zeit, die sich aus Schlafzeit und sonstiger Zeit off-the-bike zusammensetzt lag insgesamt bei ca. 17 Stunden. Wenn ich diese Zahlen so sehe wird mir erst bewusst, was ich da eigentlich geleistet hatte. Mit meiner Leistung bin ich definitiv hochzufrieden. Ich bin damit Fünfter geworden mit einem Rückstand von lediglich 41 Minuten zum Viertplatzierten. Im Pandemie-Jahr 2020, in dem zahlreiche Sportveranstaltungen ausfielen, konzentrierten sich die großen Namen der Szene auf die wenigen Events, die stattfinden konnten. So war es auch beim TPBR. Zahlreiche, sehr erfahrene, Ultra-Endurance-Athleten waren hier am Start. Angesichts der starken Konkurrenz hat mein erreichtes Resultat einen besonderen Stellenwert.

Trotz Knieschmerzen, die mich spätestens ab dem dritten Renntag begleiteten, und mit zunehmender Distanz stets zunahmen, war ich in der Lage den Fokus auf das Ziel in Nizza zu behalten, und die Fahrt fortzusetzen. Dazu gesellten sich im Laufe der Zeit zunehmend Sitzbeschwerden, als zusätzlicher erschwerender Faktor. Die Beschwerden werden sich legen, und sind nichts Dauerhaftes, zumindest gehe ich davon aus. Ich schreibe das, um klar zu stellen, dass so ein Ritt von Wien nach Nizza in den meisten Fällen nicht spurlos an einem vorübergeht. Ein Roboter bin ich jedenfalls nicht.

Während des Rennens hat dotwatcher.cc über das TPBR berichtet. Zum Teil wurden Spekulationen zu meiner Person angestellt. Da es von mir nur minimale digitale Spuren im Netz gibt, wurde im Zusammenhang mit meinem Namen der Begriff mystery character verwendet. Nicht nur Théo Daniel ist die von mir erbrachte Leistung aufgefallen. In der Ultra-Endurance-Szene bin ich jetzt wohl nicht mehr komplett unbekannt.

Text & Fotos: Adam Bialek

4 Gedanken zu „Three Peaks Bike Race 2020&8220;

  1. Hallo Adam, es ist kaum zu glauben, was Du geleistet hast. Mein voller Respekt, dass Du diese Distanz in so kurzer Zeit mit all den damit verbundenen Strapazen durchgestanden hast. Wünsche Dir ein möglichst schnelle Regeneration. Aber so wie ich Dich kenne, warst Du bestimmt schon wieder auf dem Sattel gesessen, oder ?

    1. Ich bin einfach zu durchschaubar. In Nizza bin ich ja am Donnerstag gegen 11 Uhr angekommen. Am Freitagmorgen ging es 43 km nach Ventimiglia IT, und am Samstag 291 km von Zürich über Lindau nach Hause.

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