Superrandonnée – Aufi mussi

Freitag, 07.08., 14:30 Uhr, ich stehe auf der Hauptbrücke in Graz, fotografiere gerade die Uhr der Franziskanerkirche um den Startpunkt für den „Superrandonnée -Aufi mussi“ zu dokumentieren. Anschließend noch zusätzlich ein Foto von meinem Fahrrad inklusive dem Rahmenschild. Eine junge, attraktive Frau mit Fahrrad inkl. großer Satteltasche schaut mir dabei zu und lacht. Ich überlege kurz einen kleinen Small Talk zu beginnen. Ein Anruf (die Arbeit?!) schwenkt meine Gedanken in eine andere Richtung und nach Beendigung des Telefonates ist die Radfahrerin verschwunden. Ich klippe mich in die Pedale und starte die Tour, 600 km und 13.000 Höhenmeter stehen vor mir. Ich habe Bedenken, ob man so etwas in 60 Stunden absolvieren kann, aber die vielen Berichte über ähnliche Touren, intensivieren den Wunsch, es zu probieren und sich daran zu messen.

Schnell habe ich das Stadtgebiet verlassen, ein paar Schleifen später steht die erste Erhebung vor mir, der „Plesch“. Die 530 Höhenmeter sind schnell abgearbeitet. Den MTB-Fahrern, die mir elektrische Unterstützung unterstellen, möchte ich entschieden entgegentreten. Mein Fahrrad wird nur mit Muskelkraft angetrieben.
Runter geht’s vom Plesch in ein paar Schleifen, schöne Gegend, wenig Verkehr. Nach den ersten 60km und 1340 Höhenmetern kehre ich ein, gönne mir Kaffee und Kuchen. Nur nicht zu schnell starten sind meine Gedanken. Der nächste Anstieg steht bevor, die „Sommereben“, eine der zwei Erhebungen (inkl. der Weinebene) der Tour, die mir noch unbekannt sind. Schöner Anstieg, wenig Verkehr, das obligatorische Foto bei der Kapelle für den Beweis und schon geht’s in die Abfahrt nach Stainz. Hier tätige ich noch ein paar Einkäufe. Bestens versorgt und nach einem kleinen Imbiss direkt vor Ort geht es über Klosterwinkel weiter nach Deutschlandsberg.
Ein solches Unterfangen bietet auch naturgemäß viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Während des Anstieges nach Klosterwinkel bemerke ich wieder scheppernde Geräusche, welche sich nur beim Durchfahren von Schlaglöchern o.ä. zu erkennen geben. Plötzlich durchzuckt es mich wie ein Blitz. Ich bleibe stehen, hebe das Vorderrad an und nehme mit der anderen Hand das Laufrad in die Hand. Mir rinnt es kalt über den Rücken. Mit dem Inbus, der in der Rahmentasche verstaut ist, schraube ich die Steckachse fest. Danach fahre ich weiter und nehme mir vor, mein Rad vor der nächsten Ausfahrt ein wenig genauer zu inspizieren!
In Deutschlandsberg, nach einer sehr steilen Abfahrt angekommen, ist es inzwischen Nacht geworden. Ab nun heißt es erstmals länger klettern, über 1400 Höhenmeter sind zu bewältigen (ungefähr 3300 Höhenmeter liegen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter mir). Es zieht sich, mehr Verkehr, etwas mehr Wind. Nur der traumhafte, blutrote Dreiviertelmond lenkt ein wenig von den Strapazen ab. Immer öfters wandern meine Blicke auf das Garmin um zu prüfen, wie lange es noch bergauf geht, ein untrügerisches Zeichen der Ermüdung! Aber endlich ist es geschafft, ich habe den Gipfelpunkt erreicht. Der Wind bläst und die Windräder heben den Lärmpegel merklich. Es ist ungemütlich. Schnell schieße ich ein Foto, überlege mir, mehr Kleidung für die Abfahrt anzuziehen, verwerfe den Gedanken aber wieder, weil Kälte erfahrungsgemäß gut gegen die Müdigkeit ist.
Eine schnelle Abfahrt, das Vorderlicht mit über 1500 Lumen erhellt die Straße besser als früher das Fernlicht eines Golf III und ist zur eigenen Sicherheit schwer zu empfehlen. In Wolfsberg bemerke ich trotz der späten Stunde noch ein geöffnetes Lokal. Die Wirtin, so stellt sich heraus, hat gerade dem letzten Nachtschwärmer, ja es ist schon nach Mitternacht, ein Taxi gerufen und raucht mit ihm eine Zigarette. Ich halte an und frage, ob man mir die Trinkflaschen auffüllen könnte. Nach einigen Problemen der Dialektik („ja a Wossa hätte ich gerne“), erfüllt sie mir den Wunsch. Währenddessen fragt mich der Gast von woher ich komme und wohin es geht. Mit knappen Worten sage ich von Graz über Klippitz, Obdach und Gaberl zurück nach Graz (den Rest habe ich verschwiegen, zu oft trifft man auf Unverständnis bei solchen Vorhaben). Verständnisloses Schweigen kann auch eine Antwort sein.

Für den nächsten Anstieg Richtung Klippitztörl (hier zweigt man vor der Passhöhe wieder in Richtung Lavanttal ab), starte ich ein etwas düsteres Hörspiel von Frank Schätzing mit dem Titel „Tod und Teufel“. Der Kriminalroman, welcher im mittelalterlichen Köln spielt in Kombination mit dem langen Anstieg durch den Kärntner Wald lässt in mir ein paar mulmige Gefühle aufsteigen. Aber es lenkt jedoch auch gut von den 200 km und 5100 Höhenmetern ab, die ich bereits hinter mir habe. In Obdach angekommen überlege ich, in einem Bankfoyer ein kurzes Nickerchen zu machen. Leider sind alle vorhandenen nach 24 Uhr nicht mehr zugänglich und im Freien auf der Parkbank ist es mir definitiv zu kalt, daher beschließe ich, Richtung Gaberl weiter zu fahren. Zurück in der Steiermark werde ich von einem traumhaften Sonnenaufgang empfangen.
Der Moment, wo sich die Nebelfelder lichten und die Sonne die Kälte verdrängt, ist immer wieder beglückend. Es lässt mich die Strapazen der Nacht vergessen. Diese kleinen Ausbrüche aus dem Trott des Alltages sind einer der wesentlichsten Punkte, die mich am Brevet fahren so begeistern.
Am Gaberl angekommen, ist es bereits 7 Uhr früh. Ich bin nun seit 15 ½ Stunden unterwegs und seit ca. 25 Stunden wach. Beim Gaberlhaus probiere ich mein Glück und versuche ein Frühstück zu ergattern. Leider stehe ich vor verschlossenen Türen. Ein unabhängiger Opportunist auf vier Beinen und rotem Fell streicht mir um die Füße. Ich schnappe ihn mir und setze mich auf einen der Stühle des Hotelgastgartens. Als einsamer Randonneur mit 255 km und 6300 Höhenmetern in den Beinen kann man jede Zuneigung brauchen. Der Kater oder war es eine Madame, für eine genauere Untersuchung fehlte die Zeit, ich wollte die Strecke ja unter 60 Stunden beenden, beantwortete jedenfalls mein Kraulen des Kopfes mit ausgiebigem Schnurren. Die Welt ist schön!

Eine schnelle Abfahrt und einen etwas zäheren Anstieg (steil und schlechter Asphalt) später befand ich mich beim Gasthaus „Eckwirt“. Dort wurde meine etwas zögerlich vorgetragene Frage nach einem Frühstück mit einem „Selbstverständlich“ beantwortet. Während des reichhaltigen und geschmacklich ausgezeichneten Frühstücks musste ich ausführlich von meiner schon absolvierten Tour und meiner noch bevorstehenden Strecke berichten. Ich freute mich über den Dialog mit den netten Wirtsleuten.
Interessantes Detail am Rande: das Wirtshaus hat zwei Hausnummern, weil durch das Haus die Gemeindegrenze verläuft. Die früher noch existierende Schanksteuer wurde zu je einem Teil den jeweiligen Gemeinden überwiesen. Summa Summarum ein absolut zu empfehlendes Wirtshaus in einer sehr idyllischen Gegend der Steiermark.
In Richtung Kleinstübing konnte ich erstmals vom Windschatten eines äußerst sportlichen MTBler profitieren.
315 KM und 7100 Höhenmeter habe ich schon hinter mir, als ich Peggau erreiche, ab jetzt liegen Anstiege vor mir, die ich zu meinem üblichen Trainingsgebiet zählen kann. Manchmal während dieser Anstiege befallen mich Zweifel am Sinn des Unterfangens, der Schlafentzug fordert seinen Tribut. Es wird Mittag, ein äußerst heißer Tag mit mehr als 30°C steht mir bevor. Ich muss noch bis Niederösterreich um anschließend wieder zurück in die Steiermark nach Graz zu fahren. Jetzt Abbiegen und Heimrollen, 7000 Höhenmeter sind auch keine Schande, aber doch 6000 weniger als anvisiert. Der äußerst unangenehme Anstieg nach Semriach, verstärkt den Wunsch nochmals. Hinter einem Supermarkt, wo ich mich mit Mittagessen und weiterer Versorgung eingedeckt habe, genieße ich den Schatten, den das Gebäude spendet. Nach einer Stunde des vor sich Hindösens, untermalt mit den aktuellsten Nachrichten, bereitgestellt von Ö1, fahre ich weiter. Während des Anstieges zur Teichalm komme ich mit einem anderen Rennradfahrer ins Gespräch. Ins Gespräch vertieft, vergesse ich die Strapazen und bewältige den Anstieg in einer sehr akzeptablen Zeit. Diese Tempoerhöhung weckt wieder meine Lebensgeister und lässt auch die kommenden Kilometer viel leichter von der Hand gehen. Besten Dank an den sportlichen Kollegen.
Zum Abendessen kurz vor dem Schanzsattel gibt es Ochsenmaulsalat und als Nachspeise Kuchen. Anschließend geht es in den zweiten Abend. Relativ ereignislos und mit sehr wenig Verkehr reihen sich der Schanzsattel, der Feistritzsattel und der Höhenkurort Mönichkirchen aneinander. Der Körper nimmt die dabei zu absolvierenden knapp 100 km und 1800 Höhenmeter ohne größeren Schmerz zur Kenntnis und hat sich anscheinend seinem Schicksal ergeben.

In Mönichkirchen angekommen, steht außer Zweifel, dass ich nach über 36 Stunden ohne vernünftigen Schlaf dringend eine Schlafpause brauche. Direkt beim Ortseingang bietet mir eine kleine Kapelle inklusive großzügiger Sitzbank einen hervorragenden Schlafplatz. Der schweißgetränkten Sachen entledigt und in den kuscheligen Daunenschlafsack geschlüpft, schlafe ich innerhalb weniger Momente ein.
Den Wecker, welchen ich mir auf 5 Uhr früh gestellt habe, überhöre und ignoriere ich. Eine Stunde später stehe ich auf. Ich mache mich, begleitet von einem der herrlichsten Sonnenaufgänge seit langem, wieder auf den Weg.

Restdistanz: 127 km und 2400 Höhenmeter

Obwohl schon über 10.600 Höhenmeter in den Beinen, geht es mir ausgesprochen gut. Ich habe Spaß am Rad und bleibe ausgenommen zum Auffüllen der Trinkflaschen nirgends mehr wo stehen. Die restlichen Erhebungen bewältige ich in 5 ½ Stunden. Bei der Einfahrt in die Stadt Graz ertönt aus meiner zufällig angeordneten Playlist das Lied „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel. Im selben Moment kommt der Schlossberg in mein Blickfeld und ich werde von einem, den ganzen Körper durchströmenden Glücksgefühl erfasst, welches wahrscheinlich nur Randonneure und Opiatabhängige kennen.

Einige Zahlen:
Strecke: 600 km
Höhendifferenz: 13.001 Höhenmeter
Schnitt: 20,8 km/h
Schnitt (brutto): 12,9 km/h
Gesamtzeit: 46 Stunden 32 Minuten

text & fotos: stefan eferdinger

5 Gedanken zu „Superrandonnée – Aufi mussi&8220;

  1. Danke, bin draufgekommen das mir gleichmäßiges klettern irsinnigen Spaß macht ;), aber die grausamen (steil, unrythmisch, schlechter Asphalt) machen halt dann schon mürbe. Die Strecke….. Ja wie man auf die Idee kommen kann soetwas aneinaderzureihen…. 🙂

  2. Herzliche Gratulation zu dieser außergewöhnlichen Leistung und dem tollen Bericht! Dann konnte ich richtig miterleben, wie es dir in guten und schlechten Momenten ergangen ist!
    Liebe Grüße! Jeff

  3. Glückwunsch Stefan! Die Tour ist definitiv kein Selbstläufer. Ich hatte im Juni das Vergnügen, mich bei Aufi muss i auszutoben, und habe anschließend Tom (der die Streckenführung zusammengestellt hat) bescheinigt, dass es ihm tatsächlich gelungen ist einen grausamen Anstieg an den nächsten zu reihen.

    Sehr gut geschrieben. Mein Favorit: Der Körper … hat sich anscheinend seinem Schicksal ergeben. 🙂

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