paris-brest-paris 2019

samstag, 17.8.19

gegen 8 uhr morgens machen hannes und ich uns auf den weg. die erste teilnahme am epischen brevet „paris-brest-paris“ steht bevor. in lauf bei nürnberg holen wir unseren dritten mitstreiter thomas ab, satteln die räder um und nehmen das letzte stück autofahrt nach paris in angriff. das kleine hotel in milon-la-chapelle, in dem wir übernachten wollen, ist bereits bis zum rand mit pbp-teilnehmern aus aller welt gefüllt. so treffen wir hier z.b. einen mann, der extra aus malaysia angereist ist. nach einer pizza zum abendessen begeben wir uns frühzeitig zu bett, in dem wir vorerst das letzte mal für längere zeit schlaf finden werden…

sonntag, 18.8.19

tags darauf fahren wir die 23km nach rambouillet, dem aktuellen pbp-startort. unsere räder werden auf funktionstauglichkeit geprüft und mit einem aufkleber versehen. in einem innenhof erhalten wir unsere startunterlagen.

wir schlendern noch ein wenig umher und machen uns mit den örtlichen gegebenheiten vertraut. später – gegen 16 uhr – wollen wir zum start, um die erste abfahrt mitzuverfolgen.

hier treffen wir auch auf alte bekannte…

foto: hannes klessinger
foto: manu

abends stolpern wir noch über karl, der uns ein paar weisheiten mit auf den weg gibt: „versteift euch nicht darauf, die gesamte strecke gemeinsam zu fahren. auf diese weise sind schon ganze ehen zerbrochen.“
freundlicherweise stellt uns thomas sein auto zur verfügung, sodaß wir nochmal im hotel übernachten können, während er vor ort bleibt.

montag, 19.8.19: 445km

um 3.00 – nach einer äußerst kurzen nacht – stehen wir auf, um uns pünktlich um 4.45 uhr in die startgruppe z einzureihen. hier stoßen wir auf ronald, der seinen weg aber schon bald alleine fortsetzen wird. um 5.30 uhr werden wir offiziell entlassen. während ich das bad in der besuchermenge genieße, ahne ich noch nichts von den strapazen, die auf uns warten. bald dämmert es und es wird wärmer. wir kommen gut voran, auch wenn uns der wind aus westen stramm entgegen bläst. in mortagne-au-perche füllen wir schnell unsere trinkflaschen auf. kurz nehme ich igor aus dem augenwinkel wahr. doch wir wollen weiter. da sich unsere beine gut anfühlen, schaffen wir es heute bis zur kontrollstelle in loudeac. es ist bereits 1.30 uhr. wir sind ziemlich übermüdet. dennoch müssen wir uns an diesem knotenpunkt zurechtfinden, an dem die massen aus sämtlichen startergruppen aufeinanderprallen. wir ergattern drei feldbetten im schlafraum. an schlaf ist jedoch nicht zu denken. denn die nächtigungsmöglichkeit kommt einem gefrierschrank gleich. hier werden uns zum ersten mal die verschärften bedingungen für selbstversorger klar. in einem wohnwagen wäre es jetzt wohl deutlich behaglicher…

dienstag, 20.8.19: 338km

nach einer horriblen nacht treffen wir uns im frühstücksraum. die müdigkeit steht t. und h. ins gesicht geschrieben…

als wir nach draußen gelangen, sind die meisten randonneure schon aufgebrochen und so fällt es uns relativ leicht, unsere räder wiederzufinden.

über den roc trévezel, der einzigen größeren erhebung bei „pbp“, erreichen wir brest nach 610km. halbzeit.

da thomas heute recht geschlaucht ist, legen wir eine längere pause ein und üben uns in siegerposen…

auf dem weg zurück nach … PARIS!!! … halten wir an mehreren privaten verköstigungsstellen. die unterstützung der französischen bevölkerung ist grandios und treibt mir mehrmals ein paar tränen in die augen. tag und nacht, bei wind und wetter stehen die franzosen spalier und ermutigen die teilnehmer durch „courage!“-zurufe. kinder warten begeistert am straßenrand darauf, daß ihre hände abgeklatscht werden. essen und trinken wird kostenlos bereit gestellt. wer sich dankbar zeigen will, spendet ein paar münzen. MERCI BEAUCOUP POUR VOTRE SOUTIEN!
um 2 uhr nachts sind wir wieder in loudeac angelangt. die situation verschärft sich. erneut versuchen wir im schlafraum ein wenig ruhe zu finden, was uns kolossal misslingt.

feldbetten werden in den schlafsälen verteilt.

mittwoch, 21.8.19: 314km

gegen 7.30 uhr befinden wir uns wieder auf den rädern. die erschöpfung nimmt infolge des enormen schlafmangels weiter zu. noch lässt sich davon äußerlich wenig erkennen…

wir legen eine zwischenrast bei einem bekannten französischen unterstützer ein, dem randonneure aus der ganzen welt zum dank eine postkarte aus ihrer heimat schicken.


thomas geht es heute wieder besser. dafür erwischt es uns ganz fürchterlich in villaines-la-juhel. nach kurzer diskussion beschließt thomas, allein zum nächsten kontrollpunkt weiterzufahren, während hannes und ich für eine stunde in ein komatöses gedöse abtauchen. langsam aber sicher verschwimmt die realität. h. weiß sich nicht anders zu helfen, als sich gebetsmühlenartig sätze ins lädierte hirn zu zementieren: „ich heiße hannes klessinger und das ist christian sailer. wir sind hier in villaines…“ die sonne ist bereits verschwunden, als wir völlig desorientiert und wie auf drogen unsere räder suchen.

doch die nacht empfängt uns freundlich mit windstille. endlich. nur unsere asiatischen kollegen bilden ein erhebliches sicherheitsrisiko. schlangenlinien fahrend mäandern sie hügelauf, hügelab. manchmal sind zusammenstöße unausweichlich. ich habe aufgehört, all die krankenwägen mitzuzählen, die ich bereits auf der strecke gesichtet habe. je länger diese odyssee andauert, desto gefährlicher wird sie. als wir in mortagne-au-perche ankommen, höre ich einen britischen teilnehmer mit bezug auf unsere asiatischen genossen sagen: „how the hell did they qualify?“ und ich muß ihm zugestehen, daß er nicht ganz unrecht hat. drinnen in der kontrollstelle wird die situation vollends bizarr, absurd und surreal: hunderte untote liegen auf tischen, stühlen und am boden. und für eine stunde gesellen wir uns dazu. der totale gehirnkollaps steht bevor. habe ich wirklich auf der strecke irgendwo claus czycholl gesehen?

donnerstag, 22.8.19: 122km

„nur“ noch 122km. als wir starten wollen, bekomme ich plötzlich heftiges nasenbluten. ein erschöpfungssymptom? ich stopfe mir ein stück taschentuch in die nase und wir rollen los. bei tagesanbruch erleben wir einen prächtigen sonnenaufgang, der seinesgleichen sucht. in dreux, der letzten kontrollstelle vor rambouillet, frühstücken wir ausgiebig und mobilisieren letzte kraftreserven. zügig erreichen wir gegen 11 uhr unser ziel. ein menschenmeer erwartet uns, was uns einen weiteren euphorieschub verleiht. wir haben es geschafft. allen zwischenzeitlichen zweifeln zum trotz. beim zieleinlauf sehe ich stefan, mit dem wir den 600er in münchen fuhren, und dem wir hier auf der strecke immer wieder begegnet waren. es ist schön, zwischen all dem multinationalen gewusel vertraute gesichter zu erkennen. thomas aus göttingen sehe ich dagegen leider nicht mehr. wir sind zu ausgezehrt und zu erschöpft von insgesamt ca. 5 stunden schlaf während der letzten vier tage. noch am selben tag brechen wir nachhause auf.

au revoir?!

1222km. 11941hm.

3 Gedanken zu „paris-brest-paris 2019&8220;

  1. Hallo Sailo,
    meine Erfahrung bezogen auf die Unfälle und die Asiaten ist eine ganz andere. Ich sah auf der ganzen Strecke nur einen einzigen Unfall – der war leider sehr schwer- und die Asiaten sind in meiner Nähe sehr konzentriert und kraftvoll gefahren.

    Gerne würde ich aber auch noch auf einen anderen Punkt hinweisen bzw Deinem Bericht hinzufügen. Wir sind etwas über 1.200km durch Frankreich gefahren. Dabei gab es für mich nicht eine einzige gefährliche Situation mit einem Auto. Kein einziges Auto fuhr näher als im Abstand von einem Meter an mir vorbei. Wenn sie gehupt haben, dann nur um mir Mut zu machen und mich anzufeuern, und nicht, um mir als Pseudopolizisten den unfreundlichen Hinweis zu geben, dass ich den Radweg benutzen soll.
    Bei diesem Gedanken werden bei mir die Augen noch feucht.
    Bei mir zu Hause ist es so, dass ich bereits nach 10km von meinem Wohnort nahezu 3x beinahe in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde, von Autofahrern, die die Meinung vertreten, dass ausser ihnen niemand etwas auf der Straße zu suchen hat.
    Was mir fern liegt, ist, dass ich als Radfahrer unsere deutschen Autofahrer an den Pranger stelle. Ich bin selbst Autofahrer und habe mit den Kampfradlern in München zu tun. Sie kommen von überallher – von rechts, von links, von hinten, von vorn und manchmal glaub ich auch von oben und unten :-), und das ohne irgendwelche Regeln zu befolgen.
    Das ist das, was mich auf unserer Reise so begeistert hat. Jeder nahm auf den anderen Rücksicht und hat ihn respektiert. Das gab mir auch von Anfang an so viel Kraft und Begeisterung, dass ich die 1.200km ohne großen Probleme gemeistert habe.
    Das war das, was mich unglaublich berührt hat, neben all den Dingen, die Du bereits beschrieben hattest.

  2. Nochmals Glückwunsch zum erfolgreichen Bestehen dieser besonderen Prüfung. Seid stolz darauf!
    Das Resultat scheint offenbar immer das gleiche zu sein, egal ob man sich an der Kontrollstelle hinlegt, oder durchfährt: Massive Übermüdung

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