Austrian Extreme Bike Race 2021

Bereits Ende November 2020 hatte ich von der Erstaustragung des Austrian Extreme Bike Race oder kurz AEBR erfahren. Ein guter österreichischer Radsportfreund machte mich darauf aufmerksam. Sobald ich auf der entsprechenden Homepage die zwei relevanten Zahlen in dicker Schrift sah, bekam ich umgehend große Augen. 2500 km und 52000 Höhenmeter, ja das will ich definitiv mal fahren! Aber nicht 2021, denn der Sommer war zu der Zeit eigentlich schon radsportlich verplant. Im Juni musste ich dann sehr kurzfristig doch nochmal komplett umplanen, und so rückte zunächst einmal das Three Peaks Bike Race TPBR in den Fokus. Dennoch habe ich Mitte Juni schon einmal vorsorglich Kontakt zur Veranstalterin und Organisatorin Tanja „Tani“ Hacker aufgenommen, um mein Interesse an der Teilnahme zu bekunden. Sie ließ mir umfangreiches Informationsmaterial zukommen und bestätigte, dass eine Anmeldung noch bis Ende Juli möglich war. Start-/Zielort ist Graz, während die gesamte Strecke vorgegeben ist und diverse teils kilometerlange Schotterpassagen enthält. Speziell der letzte Punkt schreckte mich zugegebenermaßen ab. Ich bin kein Geländefahrer und verspürte nun mal keine Lust darauf, mein Rennrad über Gravelpisten zu jagen. Schließlich versprach ich Tani jedoch, mich nach dem TPBR trotzdem noch einmal zu melden.

Am Abend des 16.07. erreichte ich die Ziellinie des diesjährigen Three Peaks Bike Race in Barcelona als Sieger. Von da an waren es gerade einmal überschaubare 21,5 Tage bis zum Start des AEBR. Einige Regenerationstage vergingen, ich fühlte mich körperlich im Grunde OK und war unverletzt. Auch das Rad war ohne Einschränkungen einsatzbereit und die zeitliche Nähe von TPBR und AEBR erschien mir immer mehr als spannender Test. Wie würde mein Körper reagieren? Zudem war die Anziehungskraft der zwei im oberen Abschnitt erwähnten Zahlen letztlich größer als die abschreckende Wirkung des Schotters. So kam es, wie es kommen musste und ich stand als 9-ter von insgesamt 10 Fahrern auf der Startliste des AEBR – letztendlich starteten nur 8. Würde es mir gelingen, Training und Regeneration in den verbleibenden Tagen und Wochen richtig zu koordinieren? Am Rad-Setup plante ich beinahe nichts zu verändern gegenüber dem TPBR. Einzig den Lenkeraufsatz hatte ich demontiert sowie einen Ersatzschlauch mehr und eine Daunenweste eingepackt. Überleben die sehr schmalen Reifen (deutlich schmäler, als die von Tani empfohlenen 28 mm) die Schotterabschnitte? Fragen über Fragen.

Einen Tag vor dem Start reiste ich nach Graz. In wunderbar lockerer Atmosphäre trafen sich Fahrer, Organisatorin, und einige Helfer aus Tani’s Familien- und Freundeskreis. Erst hatten wir ein vorzügliches Pilzgericht genossen, anschließend den Bike-Check durchgeführt und das Race-Briefing abgehalten, während wir uns parallel dazu gegenseitig kennenlernten. Dieser kleine familiäre Kreis hatte einen besonderen Charme. Ich fühlte mich pudelwohl. Nachts hatte ich ganz gut im Hotel geschlafen und rollte morgens bei schönem Sommerwetter zum Start an der Merkur Arena. Es war Samstag, der 07.08., und es standen nach offiziellen Angaben 2502 km und 50988 Höhenmeter an. Wir starteten ab 9 Uhr in 5-minütigen Abständen. Zuerst durfte sich Ed (Nr. 10) aus England auf den Weg machen, dann folgte bereits ich selbst (Nr. 9) um 9:05 Uhr, und danach entsprechend die verbleibenden Mitstreiter. Schon bald gab als Vorgeschmack die erste Schottersektion, die noch einigermaßen harmlos war. Die ersten km führten zunächst in südlicher Richtung. Nach etwa 48 km hatte ich Ed beinahe eingeholt. Ich sah ihn 30 m vor mir unerwartet anhalten und erkundigte mich nach seinem Befinden. Er hatte eben ein Insekt verschluckt, aber nichts, was sticht. Nach einer Weile war zu erkennen, dass es nichts Ernstes war. Ich setzte meine Fahrt fort und erfuhr später, dass Ed erfreulicherweise weiterfahren konnte, nachdem er sich gesammelt hatte. Als die Steirische Weinstraße erreicht war, konnte ich die ersten herrlichen Ausblicke genießen – Slowenien zur linken und Steiermark zur rechten. Soboth war der erste nennenswerte längere Anstieg. Ich fühlte mich nicht so besonders. Permanent im Sattel sitzend ging es sehr zäh berghoch. So kenne ich das von mir eigentlich nicht. Meine Fahrweise ist eher durch ständige Rhythmuswechsel gekennzeichnet – sitzend, stehend, sitzend und so weiter. Oben angekommen folgte eine rapide Abfahrt und kurz darauf ein weiterer Kracher, die Koralpe. Den Anstieg empfand ich als hammerhart. Nach der Hälfte musste ich mich auf einer Bank am Straßenrad hinlegen. Nicht einmal 200 km waren gefahren und es ging mir jetzt schon ziemlich dreckig. In der Zeit seit dem TPBR trainierte ich häufig bei miesen Wetterbedingungen und verhältnismäßig geringen Temperaturen, während es nun plötzlich warm war. Eigentlich bilde ich mir ein, bei gutem Wetter leistungsfähiger zu sein, aber zu meinem Erstaunen war es an diesem Tag scheinbar nicht so. Die Pause auf der Bank hatte gut getan und nach einiger Mühe erreichte ich schließlich die Koralpe. Weiter ging es über die Weinebene nach Deutschlandsberg, wo ich mich für die anstehende erste Nacht mit Nahrung und Getränken eindeckte. Nachdem ich die Hebalm überwunden und den Packer Stausee passiert hatte, war es schon stockdunkel. Nun standen die ersten zwei Schotterherausforderungen an und zwar Altes Almhaus und Hirchegger Sattel. 5 bis etwa 7 km lange Schotterauf- und abfahrten in der Dunkelheit. Zwischenzeitlich begann es von oben zu tropfen und ich begann mir die Horrorszenarien auszumalen, habe die Sektionen aber unfall- und pannenfrei überstanden. So allmählich kam ich in den Tritt. Natürlich musste bei der vorgegebenen Topografie jeder Kilometer weiterhin erarbeitet werden, aber zumindest fühlte ich mich wohl. Manchmal dauert es nun mal 300 oder 400 km, bis es soweit ist. Leider erreichten drei Mitfahrer dies Marken nicht. Norbert (Nr. 2) musste leider bereits nach etwa 150 km aussteigen, blieb dem Rennen jedoch in anderer Funktion treu. Hermann (Nr. 4) hatte kurz vor Deutschlandsberg, nach ca. 240 km, das AEBR verlassen. Nach etwa 370 km ging in der Schotterabfahrt vom Hirchegger Sattel Jürgen’s (Nr. 7) Steuersatzlager zu Bruch, sodass auch er nicht mehr weiterfahren konnte. Wir waren somit schon relativ früh deutlich dezimiert.

Schließlich wurde es langsam hell und ich erreichte wieder befestigten Untergrund. Irgendwo im Bereich des Packsattels begegnete ich Walter (Nr. 1), der mir dort entgegenkam und zu dem Zeitpunkt mein nächster Verfolger war. Er hatte noch die Schotter-Schleife vor sich, die ich nachts absolviert hatte. Wir unterhielten uns kurz, wünschten uns gegenseitig gute Fahrt und weiter ging es. Für mich standen das Klippitztörl und die erste Überfahrt der Nockalmstraße (von Ost nach West) an, wobei ich mich zwischenzeitlich in Sankt Veit nach der langen Nacht verpflegte. An der Nockalmstraße bekam ich den ersten Regen ab, sodass ich in der Abfahrt massiv auskühlte und ziemlich lange brauchte, bis ich wieder auf Temperatur kam. Immerhin war es den restlichen Nachmittag und Abend wieder trocken und freundlich. Bis kurz vor 22 Uhr gelang es mir, bis nach Döllach am Fuße des Großglockners zu gelangen. Dort beschloss ich, die Fahrt an diesem Abend nicht mehr in Richtung des höchsten Punkts des AEBR fortzusetzen und fand stattdessen Unterschlupf in einem Hotelzimmer. Angesichts der Temperaturen erschien es mir nicht sinnvoll, draußen zu nächtigen.

Stint 1: 727 km, 15748 hm

Berge und Hügel, soweit das Auge reicht.

Gegen 4:15 Uhr startete ich die Großglockner-Tour, bei der nichts ausgelassen wurde. Bis 8 Uhr hatte ich der Franz-Josefs-Höhe, dem Hochtor und der Edelweißspitze einen Besuch abgestattet und zwar bei sehr frischen einstelligen Temperaturen. Jetzt standen bereits die ersten 50 km und 2500 Höhenmeter des Tages auf dem Tacho. Ganz ordentlich, also erst einmal in die Abfahrt Richtung Bruck, um dort endlich vernünftig zu frühstücken. Die Verpflegungspause kam mir sehr gelegen, denn nach der langen kalten Abfahrt musste der Körper erst auftauen, bevor es weiter durch das Oberpinzgau Richtung Gerlospass ging. Ich kam gut voran, nur der Wind störte ein wenig. Bis zum (späten) Nachmittag erreichte und erkletterte ich die beiden westlichsten Sackgassen des AEBR – zuerst Hintertux und später der Schlegeisspeicher. Auf der Abfahrt zurück Richtung Mayrhofen blickte ich besorgt Richtung Himmel. Die Wolken sahen sehr verdächtig aus und ließen vereinzelte Tropfen fallen. In Ramsau war das Anlegen der Regenjacke unvermeidlich, denn ich steuerte geradewegs auf ein ausgewachsenes Gewitter im Zillertal zu. Begleitet von Starkregen, Blitzen, Donner und Gegenwind fuhr ich den teils unbefestigten (juhu Gravel) Zillertal-Radweg Richtung Norden. Nach einer Weile war das Schlimmste überstanden und es kam zumindest nicht Feuchtes mehr von oben nach. Dafür standen mehrere Schotterabschnitte am Ufer des Inns an. Als ich bei Radfeld auf die Bundesstraße B171 wechselte, waren das Rad, die Kleidung und ich selbst mächtig eingesaut vom eben befahrenen schlammigen Untergrund. An dem Tag bekam ich auch einen störenden Husten, der mich bis zur Ziellinie und ein paar Tage darüber hinaus begleiten sollte. Kurz nach 21 Uhr erreichte ich Wörgl, wo zunächst die aufgebrauchten Vorräte an der Tankstelle aufgefüllt wurden, gefolgt von einer Bestandsaufnahme. Meine Kleidung und Schuhe waren tropfnass, es regnete leicht, zudem war für die erste Nachthälfte Regen vorhergesagt. Ich fühlte mich vom Wetter ausgebremst und begann damit, nach einer Unterkunft zu suchen. Diverse Anrufe später war ich ernüchtert, denn jedes Zimmer in Wörgl schien belegt zu sein. Ich gab nicht auf und begann damit, Hotels und Pensionen abzuklappern, um dort persönlich nachzufragen. Mit viel Glück konnte ich doch noch ein Zimmer ergattern, auch wenn bis dahin eine halbe Ewigkeit verging. Mein Vorsprung gegenüber den verbleibenden Mitfahrern war mittlerweile mehr als beachtlich und betrug über 300 km. Drei von ihnen haben vor dem Großglockner genächtigt, wo ich 24 Stunden zuvor war.

Stint 2: 319 km, 5830 hm

Ich genehmigte mir eine relativ lange Schlafpause mit der Hoffnung, die Schuhe würden ausreichend trocknen können und war erst gegen Dreiviertel 5 auf der Straße. Leider war die Hoffnung vergebens, denn die Schuhe waren innen noch immer eklig feucht. Zumindest gab es die Aussicht auf einen schönen Sommertag, sodass sie unterwegs trocknen konnten. Die Route führte mich nach Mittersill, wo ich am Vortag durchfuhr. Dort war ein ausgiebiger Einkauf fällig, um mich für den bevorstehenden Tag zu versorgen. Anschließend stand die Auffahrt zum Enzingerboden an, gefolgt von einem Schotter-Radweg-Abschnitt Richtung Kaprun. Zwischendurch besuchte mich Tani. Wir sahen uns zuletzt irgendwann am Abend des ersten Renntages. Danach waren die Abstände zu groß und sie blieb in der Nähe der anderen AEBR-Fahrer. Auch sie kann sich nun mal nicht teilen. Hinter Kaprun stand noch eine Sackgassen-Auffahrt an, bevor es weiter Richtung Zell am See ging. Vorher traf ich erfreulicherweise noch Ed (Nr. 10) an einer Stelle, an der sich die Route kreuzte. Wir hatten ein nettes kurzes Gespräch, er wünschte mir weiterhin guten Flug und ich ihm viel Spaß. Die Wetterverhältnisse waren sehr gut, die Sonne strahlte, wobei es an den Anstiegen stellenweise entsprechend heiß und schweißtreibend war. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, ganz ordentlich voranzukommen – ein gutes Zeichen. Mein weiterer Weg führte mich Richtung Hochkönig. Dort gab es eine unerwartete Überraschung. Kurz vor dem Dientner Sattel holte mich ein Fahrzeug ein und es ertönte ein „Servus Adam!“. Ich war stolz auf mich, dass ich den Fahrer unverzüglich erkannte. Gedanklich war ich also voll da, ohne offensichtliche Ausfallerscheinungen. Ich antwortete Fabi mit einem „Heeey!“ und freute mich unheimlich über seinen Besuch. Fabi hielt weiter vorne an und berichtete davon, dass er in der Nähe Urlaub macht. Er wollte mich mal in Aktion sehen.

Nach der Abfahrt wurde Radstadt passiert, gefolgt vom Anstieg nach Obertauern, der sich ziemlich zog. Dennoch war ich stets bei guter Laune und nach wie vor motiviert. Nachdem ich in Tamsweg angekommen war und vor der anstehenden Nacht einen Tankstellen-Einkauf tätigte, bekam die Laune einen Dämpfer. Ein Gewitter bahnte sich an. Dennoch begann ich den Anstieg zum Schönfeldsattel, der Abend war ja noch jung. Es schien, als würde ich der Gewitterzelle nachfahren. Vor mir blitzte und donnerte es, aber über mir war der Himmel erstaunlich hell. Trotzdem regnete es natürlich, was zumindest in der Auffahrt weniger störend war. Auf der Passhöhe wollte ich nicht verbleiben, und stürzte mich in die Abfahrt nach Innerkrems. Innerhalb weniger Meter waren Radhose und Schuhe erneut komplett durchnässt. Das hatte ich einen Tag vorher auch schon. Unten angekommen war es kurz nach 22 Uhr und ich beschloss, die Nockalmstraße nicht mehr in Angriff zu nehmen. Das Gewitter war noch immer in der Nähe, die folgenden 30 km topografisch herausfordernd, die Straßen sehr nass, die Abfahrten technisch anspruchsvoll und potenzielle Unterschlupfmöglichkeiten rar. Einmal wieder fühlte ich mich vom Wetter ausgebremst. Dafür hatte ich die glorreiche Idee, den Schlafsack endlich zum Einsatz zu bringen, den ich seit dem Start mitgeschleppt hatte. Die vergangenen zwei Nächte hatte ich Indoor verbracht, was ursprünglich nicht vorgesehen war, denn eigentlich wollte ich beim AEBR draußen nächtigen. Leider war ich in Innerkrems immer noch auf einer Höhe von fast 1500 m. Daher war die Temperatur nicht sonderlich hoch und zudem die Klamotten nass. Ich entdeckte eine verlassene Pension. Dort war die Tür zu einem kleinen Kellerraum offen. Kurzerhand ließ ich mich dort auf dem kalten Betonboden nieder. Eingewickelt in allem Trockenen, was die Ausrüstung hergab, fiel mir das Schlafen sehr schwer. Es war zu früh für eine Schlafpause und zudem viel zu kalt.

Stint 3: 307 km, 5680 hm

Tolles Bergpanorama am Hochkönig.

Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt geschlafen habe. Es war eher Dösen mit permanentem Drehen und Wenden. Lange hielt ich es in dieser Kälte nicht aus. Um 3:30 startete ich in die Nockalmstraße, auf der ich keinem einzigen KFZ begegnete. Die Klamotten konnten während meiner Ruhepause natürlich nicht trocknen und waren noch nass, insbesondere die Schuhe. Die Kälte in den Abfahrten machte mir zu schaffen und dann stand auch noch die Turracher Höhe an. Im Nachhinein kann ich sie als meinen persönlichen Endgegner beim AEBR bezeichnen. Der Anstieg ist sicherlich schwer und verdammt steil. Durch die Kombination mit den niedrigen Temperaturen, und nach meiner miserablen Schlafpause, wurde daraus eine ganz andere Hausnummer. Dann kam auch noch die Abfahrt, die mir den Todesstoß versetzte. Obwohl die Sonne langsam zwischen den Berggipfeln hervorblitzte war ich kaum in der Lager in die Pedale zu treten. Die Temperatur war zwar nicht extrem niedrig, aber mein Körper einfach komplett ausgekühlt. Irgendwie kämpfte ich mich bis Tamsweg durch und besorgte mir zunächst Verpflegung. Es war noch immer früher Morgen. Ich wünschte mir sehnlichst, dass die Wolkendecke aufreißt und endlich die wärmenden Sonnenstrahlen passieren lässt. Wenige Stunden später hing ich im Anstieg zum Sölkpass und schwitzte unaufhörlich vor mich hin. Das war mir trotzdem lieber als die Kälte. Es entwickelte sich ein sehr schöner und sehr warmer Sommertag, sodass ich endlich auftauen konnte. Auch meine Schuhe konnten endlich im Fahrtwind trocknen. Endlich! In den vergangenen Tagen bin ich sicherlich zig Stunden mit feuchten Socken und Schuhen gefahren. Das machte sich langsam bemerkbar. Die aufgeweichten Zehen, und Fußsohlen wurden zunehmend druckempfindlicher. Später fühlte es sich an, als wären meine Füße von Blasen übersät, sodass jede Pedalumdrehung mit entsprechenden Schmerzen verbunden war. Hauptsächlich das gute Wetter und die guten Aussichten trieben mich an. Einige Hügel (u. a. Pötschenpass, Pass Gschütt, Lienbachsattel) waren zu überwinden, bis ich den Wolfgangsee und damit ausnahmsweise flachere Gefilde erreichte. In Fuschl am See tätigte ich abends meinen obligatorischen Großeinkauf vor dem Einbruch der Nacht. Am Wallersee stand erneut ein Schotterabschnitt an. Mein Timing stimmte wieder nicht. Ich musste ihn in der Dunkelheit absolvieren. Bei Tageslicht wäre der Zweig in meinem Schaltwerk vermeidbar gewesen. Anschließend ging es vorbei am Irrsee und Mondsee Richtung Attersee. Hier war es wiederum sicherlich von Vorteil, dass ich diesen Abschnitt zur späten Stunde befahren habe. Tagsüber ist hier der Verkehr bestimmt nervig. Mittlerweile war es 1:30 Uhr und meine Füße schrien förmlich nach einer Pause. Zudem stand nach dem Attersee eine Schottersektion mit mehr als 8 km Länge an. Ich suchte mir einen open-air Schlafplatz und entledigte mich der Radschuhe. Die Haut an den Füßen war schrumpelig und aufgeweicht, die gesamte Fußfläche verursachte Schmerzen bei der kleinsten Fingerberührung. Wie soll ich denn damit noch Radfahren? Egal, nachdem ich die Füße gründlich trocknete, legte ich mich in den Schlafsack und schlief unverzüglich ein.

Stint 4: 391 km, 6749 hm

Ich hatte gut geschlafen. Das war auch bitter nötig nach der katastrophalen Nacht zuvor. Die Füße sahen zu meiner Überraschung nicht mehr so fürchterlich aus. Dennoch umwickelte ich einen mit einem Verband, um die Haut zu schützen und als zusätzliche Druckentlastung. Den vorher erwähnten Gravelabschnitt bewältigte ich ziemlich zurückhaltend. Am sechsten Renntag galt es die Wahrscheinlichkeit etwaiger Fahrfehler zu minimieren, insbesondere angesichts der zunehmenden Erschöpfung und möglicherweise sinkenden Aufmerksamkeit. Jetzt wurde es wieder bergiger und erneut sehr warm. Im Verlauf des Tages waren unter anderem Phyrnpass und Präbichl zu erklimmen. Abends erreichte ich Leoben, wo die Nahrungs- und Wasservorräte aufgefüllt wurden. Über Bruck an der Mur ging es weiter nach Sankt Katharein. Dort wartete Jürgen (Nr. 7) auf jeden einzelnen Fahrer, um jeden nochmal auf den bevorstehenden kritischen Abschnitt aufmerksam zu machen. Er ist Einheimischer und bot sich hierfür von sich aus als Helfer an, nachdem er zuvor defektbedingt zur Aufgabe gezwungen war. Der kritische Abschnitt wurde vor dem Rennen bereits als gefährlichste Stelle kommuniziert. Dabei handelt es sich um eine steile, ca. 2 km lange Schotterabfahrt mit diversen Schlaglöchern und quer verlaufenden ausgewaschenen Rillen. Einmal mehr erreichte ich den Bereich in absoluter Dunkelheit. Das war ja klar. Die Abfahrt absolvierte ich mit größter Vorsicht und blieb unbeschadet.

Ich fuhr weiter in die Nacht hinein, erkletterte den Seebergsattel und erreichte nach Mitternacht Mariazell. Dort gönnte ich mir ein paar Minuten, um inne zu halten und Optionen abzuwägen. Zu dem Zeitpunkt lief das Rennen bereits etwas mehr als 5 Tage und 15 Stunden. Ich war ca. 445 km vom Ziel entfernt. Auf dieser Strecke lagen noch zahlreiche, teils sehr schwere Anstiege. Einige Tausend Höhenmeter standen noch bevor. Falls es mir gelingen würde, einen Leistungseinbruch zu verhindern und gleichzeitig die Schlafdauer stark einzuschränken, dann wäre noch immer eine Finisherzeit unter 7 Tagen möglich. Das neue Ziel vor Augen bewältigte ich Josefsberg und Annaberg. Anschließend folgte eine lange Abfahrt. Dabei hatte ich massive Müdigkeitsanfälle. Sobald ich kurz nach 3 Uhr Freiland errichte und eine Bushaltestelle erblickte, fackelte ich nicht lange und besetzte sie. Als ich die Liegeposition eingenommen hatte, wurde der Countdown auf dem Handy auf überschaubare 30 Minuten eingestellt. Diese kurze Rast musste zunächst einmal reichen. Ich setzte die Fahrt fort und erreichte kurz nach 5 Uhr die Kalte Kuchl, die ihrem Namen alle Ehre machte. Vom Nebel und der Kälte ließ ich mich nicht aufhalten und kam gegen 6:30 Uhr am Beginn des Anstiegs zum Preiner Gscheid an. Dort war eine Toilettenpause notwendig. Ich war müde und in der Nähe befand sich eine verlockende Bushaltestelle. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Der zunehmende morgendliche Verkehr machte das unmöglich. Ich begnügte mich damit, die überanstrengten Augen für eine Weile zu schließen, bevor ich mich wieder auf den Weg machte. Später erfuhr ich, dass etwa zu dieser Zeit leider der vierte Fahrer das Rennen aufgeben musste. Michael aka Mike (Nr. 3) hatte mit massiven Sitzbeschwerden zu kämpfen. Dennoch kämpfte er sich über 1170 km bis kurz vor den Hochkönig. Jetzt waren nur noch vier Fahrer im Rennen. In Mürzzuschlag angekommen war es allerhöchste Zeit für eine Frühstückspause. Die Sonne kam langsam zum Vorschein und im folgenden Anstieg zum Pfaffensattel war es schon schön warm.

Einmal mehr berghoch.

Bald stand eine erneute Schotterprüfung an und zwar rund um den sogenannten Toten Mann. Insbesondere die mit Kurven garnierte schnelle, steile Abfahrt war hier mit großer Vorsicht zu genießen. Alles ging gut. Unerwünschte Zwischenfälle konnte ich erfolgreich vermeiden. In Birkfeld angekommen waren es noch ca. 240 km bis ins Ziel, die es gewaltig in sich haben. Drei lange Hauptanstiege standen noch an, die jeweils auf über 1400 m Höhe führen, garniert mit ein paar weiteren Bergen – in Summe immer noch mehr als 4600 Höhenmeter. Diese Zahlen hatte ich zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Schirm, was gut ist, denn während eines mentalen Durchhängers haben Gedanken an das beschwerliche Bevorstehende das Potenzial, einem die Motivation vollständig zu rauben. Meine Motivation war nach wie vor intakt und ich begann die erste Auffahrt zur Sommeralm, gefolgt vom Eibeggsattel. Nach der Abfahrt war es bereits spät am Nachmittag und damit Zeit für einen allerletzten Supermarktstopp. Jetzt musste der Essensvorrat bis ins Ziel reichen. Anschließend ging es von Frohnleiten aus hoch Richtung Rechberg. Die Straße war nass, denn kurz zuvor war hier ein lokales Gewitter durchgezogen, welches ich zuvor von der Sommeralm aus beobachtete. Auf den verbleibenden Kilometern blieb ich von weiteren Niederschlägen verschont und auch die Straßen auf den Abfahrten waren erfreulicherweise alle trocken.

Ein paar Kilometer vor dem Gipfel des Rechbergs gesellte sich ein Kombi zu mir. Der Fahrer grüßte freundlich. Es war Martin, einer meiner österreichischen Radsportfreunde, der in der Gegend ansässig ist. Ich freute mich unheimlich, ihn zu sehen. Martin kam samt Nachwuchs vom Einkaufen und war gerade auf dem Heimweg. Das Angebot, seinen Kofferraum zu plündern, musste ich leider ausschlagen. Er verstand natürlich, dass ich von außen nichts annehmen darf. Die Drei platzierten sich an mehreren Stellen des Anstiegs und feuerten kräftig an. Das gab mir definitiv einen erneuten Schub.

Nette Begegnung am Rechberg. Martin brachte seinen Nachwuchs zur Unterstützung beim Anfeuern mit.

Nach der Abfahrt startete ich in den Anstieg Richtung Sommeralm (diesmal von Süden bzw. Westen). Währenddessen stellte ich fest, dass der Akku des GPS-Trackers beinahe leer war. Bis zum Ziel würde er nicht mehr reichen. Kurzerhand legte ich eine ungeplante Pause ein, und zwar bei der Bergwacht in Fladnitz, um dort etwas Strom zu schnorren. Es war 20:30 Uhr und die zwei Koordinatoren, die gerade eine Funkübung betreuten, wunderten sich sehr über den unerwarteten Besucher. Sie nahmen mich offenherzig auf. Ihre Verwunderung nahm weiter zu, als ich begann, davon zu erzählen, was ich in den vergangenen Tagen absolviert hatte und was ich an dem Abend noch vor habe. Die Begegnung war sehr nett, aber ich musste dann doch weiter. Kaum rollte ich wieder los, begegnete ich Tani und Norbert (Nr. 2) am Straßenrand. Sie wussten, dass ich schon lange nicht vernünftig geschlafen hatte und erkundigten sich nach meinem Wohlbefinden. Ich war fokussiert, konzentriert und nach wie vor gewillt, Graz so zügig wie möglich zu erreichen. Also weiter ging’s. Nach seinem Ausscheiden bot sich Norbert (Nr. 2) als Tani’s Helfer an. An den letzten Anstiegen besichtigte bzw. inspizierte er zu Fuß oder mit seinem Van die Strecke, bevor einer von uns Fahrern dort ankam. Er vergewisserte sich, dass alles befahrbar ist und keine unvorhergesehenen Hindernisse herumliegen. Zudem betätigte er sich während meiner restlichen Auffahrt zur Sommeralm als Groupie. Er hupte/klingelte/schrie mich den Berg hinauf und vertrieb dabei auch etwaige Wildtiere. Danke Norbert! Zurecht bekam er nach dem Rennen den Adventure and Kindness Award zugesprochen. Als der Gipfel erreicht war, zog ich mir sämtliche verfügbare Kleidung über und stürzte mich in die lange Abfahrt nach Weiz. Anschließend stand noch ein letzter richtiger Kracher auf dem Programm, der Schöckl. Ich mühte mich den Berg hinauf, bis ich irgendwann von Taschenlampen geblendet wurde. Erneut war es Norbert, aber diesmal begleitet von Tani und Mike. Es war zwar schon nach Mitternacht, aber sie feuerten mich dennoch enthusiastisch an.

Der Schöckl war ein schwerer Anstieg, erst recht in meinem erschöpften körperlichen Zustand, aber dann erreichte ich die Schranke, die den Beginn einer weiteren Zusatzprüfung symbolisierte. Hier war es tatsächlich an der Zeit, den Luftdruck in den Reifen zu reduzieren. Auf der letzten ca. 15 km langen Schottersektion wollte ich das Risiko einer Panne definitiv so weit wie möglich minimieren. Ich rollte wieder los, kam aber nicht sonderlich weit. Trotz doppelter Frontbeleuchtung wählte ich in einer steilen Serpentine eine falsche Fahrlinie. Das Hinterrad rutschte weg und ich fiel zur Seite. Den Sturz konnte ich ganz gut abfangen, zumal ich in diesem Moment sehr langsam unterwegs war. Das Rad war unbeschädigt, also halb so wild, und weiter ging es Richtung Gipfel. Auf einer Zwischenabfahrt war es mir ziemlich unwohl, da teilweise recht große Brocken im Weg lagen, aber alles ging gut. Als ich den Gipfel erreichte war es bereits nach 2 Uhr. Nun stand noch die Abfahrt zurück zur asphaltierten Straße an, wieder mit diversen großen Brocken im Weg. Ich versuchte mich maximal zu konzentrieren sowie Fahrfehler zu vermeiden und rüttelte mich verkrampft den Berg hinunter. An der Asphaltstraße angekommen war ich zunächst einmal beinahe fahrunfähig – vermutlich ein Resultat der krampfhaften Körperhaltung. Beim Versuch, die Kurbel in Bewegung zu bringen, schmerzte der gesamte Körper höllisch. Ich biss auf die Zähne und zwang die Beine, in die Pedale zu treten. Nach einer Weile funktionierte der Körper zum Glück wieder wie gewohnt. Einige Augenblicke später konnte ich nicht fassen, was da gerade mit mir passiert. Eidexberg, der letzte Anstieg, war überwunden und ich begann unbewusst über die verbleibenden Hügel drüberzusprinten. Wow! Euphorisiert, ständig aus dem Sattel gehend, ohne Brennen in den Beinen und ohne schwer zu atmen, flog ich dem Ziel entgegen. Vermutlich war ich dabei nicht überragend schnell, aber für mich fühlte es sich jedenfalls so an. Nochmal wow!

Wenige Kilometer vor dem Ziel in Graz kam mir wie aus dem Nichts etwas Beleuchtetes entgegen. Stundenlang hatte ich keine Menschenseele gesehen und jetzt ist da ein Radfahrer mitten in der Nacht. Ich hielt an und konnte meinen Augen nicht glauben. Tom, den ich gerne als meinen Ziehvater in Sachen Langdistanzradsport bezeichne, ließ es sich nicht nehmen, mich auf den letzten Kilometern zu begleiten. Selbst zu dieser unmöglichen Uhrzeit! Für mich war dieses letzte Stück zum Ziel sehr emotional. Ich genoss den Plausch mit Tom, zumal wir uns schon lange nicht gesehen hatten. Wenige Minuten vor 4 Uhr war es dann endlich soweit. Ich überquerte überglücklich und zufrieden die Ziellinie, wo mich Tani und Norbert erwarteten. Aus unerfindlichen Gründen gelang es mir, vom Attersee bis nach Graz in 45 Stunden durchzufahren und das mit einer 30-minütigen Ruhepause in der Bushaltestelle.

Stint 5: 776 km, 13184 hm

Gesamt: 2520 km, 47191 hm (nicht ganz die angepeilten 50988 hm, vermutlich aufgrund der barometrischen Höhenmessung im Zusammenhang mit den häufig wechselnden Wetterverhältnissen)

Nach dem Rennen blieb ich noch ein paar Tage in Graz. Als die anderen drei Finisher ins Ziel kamen, war ich selbstredend stets vor Ort, um sie zu begrüßen und zu beglückwünschen. Zweiter wurde Walter (Nr. 1), ein erfahrener österreichischer Langstreckenfahrer, der beim AEBR seine persönliche (mentale) Leistungsfähigkeit vollständig ausreizte. Antoine (Nr. 8) aus Frankreich wurde Dritter und zwar bei seinem ersten Langdistanzrennen. Chapeau, darauf kann er sehr stolz sein. Als Vierter kam Ed (Nr. 10) aus England an. Unterwegs hatte er diverse Problemchen und Probleme wie verschluckte Insekten oder grauenhafte Sitzbeschwerden. Irgendwie bekam er doch alles in den Griff und finishte souverän.

Ein etwas anderes Podestfoto.
1. Adam Bialek, links 6 Tage 19 Stunden 3 Minuten
2. Walter Reiterer, rechts 8 Tage 23 Stunden 58 Minuten
3. Antoine Gary, mittig 9 Tage 5 Stunden 34 Minuten
4. Ed Tapp, noch unterwegs 9 Tage 12 Stunden 42 Minuten

Die Erkenntnisse:

A)
Unglaublich, wie vielfältig Österreich ist. Diese landschaftliche Vielfalt ist überragend. Einige geheime Ecken hätte ich aus eigenem Antrieb sicherlich nicht erkundet, erst recht nicht mit dem Rennrad. Daher gilt ein riesiger Dank Tani für die Zusammenstellung dieser herausfordernden und wunderschönen Route.

B)
Die Teilnahme am AEBR war für mich mit einem Verlassen des Wohlfühlbereichs verbunden (wegen der ganzen Schotterabschnitte). Dennoch bin ich froh und stolz, bei der Erstaustragung dabei gewesen zu sein.

C)
Das Austrian Extreme Bike Race hat definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Tani ist als Organisatorin mit Leib und Seele dabei. Ich habe den allergrößten Respekt vor ihrem Enthusiasmus und ihrer Ausdauer, und zwar vor und während des Rennens. Hoffentlich bleibt der einzigartige familiäre Charakter dem AEBR möglichst lange erhalten.

D)
Ich stelle fest, dass ich tatsächlich in der Lage bin, zwei Rennen vom Kaliber eines TPBR bzw. AEBR innerhalb eines Monats zu fahren, und zwar beide relativ zügig. Erstaunlich.

E)
Die Welt braucht keine Gravelbikes. Naja OK, zumindest brauche ich keines. Selbst wiederholte kilometerlange Schotterabschnitte lassen sich bei Bedarf mit einem Rennrad pannenfrei bewältigen, und das auf sehr schmalen Reifen mit hohem Luftdruck und mit gewichtsoptimierten Schläuchen. Wahrscheinlich hatte ich aber auch in Bezug darauf einfach Glück.

F)
Von Freunden auf der Strecke überrascht zu werden, ist cool. Danke Fabi, Martin und Tom!

G)
Ich bleibe lieber nach wie vor on the road. Gravel stellt für viele eine willkommene Abwechslung dar, während es für mich weiterhin reinen Stress bedeutet. Dabei ist mir klar, dass dies einen direkten Bezug zu meinem Fahrradsetup hat.

fotos & text: adam bialek

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